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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 4 · p. Seite 261

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 261 (sequence 13)
Language
German
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261 Und wie das Erkennen so ein rastlos fortschreitender, jede erreichte Stufe transcendierender Prozeß ist, schreitet unser Wollen zu immer neuen Zielen fort, und überwindet ein jedes durch Beurteilung dieser Ziele an sie übertreffenden Maßstäben, ist insbesondere der sittliche Wille das rastlose über jede erreichte Stufe Hinausstreben unseres Willens zur idealen, nie abgeschlossenen Vollendung. Transcendenz des Lebens, Mehr-Leben ist das Leben auch des Geistes. ־ Nicht aber vollzieht sich diese Transcendenz des Lebens gleichsam nur in e i n e r Ebene. Aus der Kontinuität des geistigen Lebens heben sich bestimmte Inhalte heraus, die als sinnerfüllte eine Bed e u t u n g haben, die sich dem Strom des Lebens gegenüber verselbständigen und zu selbstgenugsamen Sinnzusammenhängen zusammenschließen. Solche Sinnzusammenhänge sind Wissenschaft, Kunst, Sittlichkeit, Religion. In ihnen erhebt sich das Leben zu etwas, das mehr als Leben ist, zu einer Welt des Sinns, die aus dem Strom des Lebens stammt und doch nicht in ihm beschlossen bleibt. Leben des Geistes ist nicht nur Mehr-Leben, es ist auch mehr als Leben: 1. Ohne Erkennen vermag das Leben des Menschen nicht zu bestehen. Wie die sinnliche Wahrnehmung, so dient der Intellekt der Lebenserhaltung und ist gleichsam in die vitale Struktur des Menschenlebens eingeschlossen. Der Mensch erkennt, weil er ohne Erkenntnis nicht bestehen kann, und erkennt soviel, als zur Erhaltung des Lebens notwendig ist. Dabei ist dieses ״soviel1־' relativ zu den Lebensbedürfnissen des Menschen; es gehört aber nicht nur das erfolgreiches Handeln ermöglichende Wissen zu den Lebensnotwendigkeiten, sondern auch das Wissen, das der Entwicklung seelischer Tendenzen und Kräfte dient. Die Fruchtbarkeit in diesem weiteren• Sinne des Wortes steckt für das Leben die Grenzen des Wissenswerten ab. * Dem vital gebundenen, vorwissenschaftlichen Erkennen ist wahr, was fruchtbar ist. In der Wissenschaft hingegen emanzipiert sich das Erkennen vom Lebenszusammenhange, erkennt man nicht mehr um zu leben, sondern dient das Leben der Erkenntnis. Die Formen der Wissenschaft, die im vorwissenschaftlichen Erkennen der Lebensbeherrschung gedient, werden zu selbständigen Prinzipien, in denen nicht nur die lebenswichtigen Inhalte, sondern die gesamte Wirklichkeif zur Erkenntnis gelangt. Steht der vom Lebenswillen beherrschte Mensch im Mittelpunkt des vorwissenschaftlichen Weltbildes, reißt er aus der Wirklichkeit nur dasjenige heraus, was zu seinen Interessen in Beziehung steht, so ordnet die Wissenschaft

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