Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 12)
- Language
- German
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260 Andererseits aber muß ein lebendiges, theistisches Bewußtsein ein Weltbild als sich adäquat erkennen, das in dem Weltgeschehen .der wachsenden Freiheit des Geistes nicht nur R a u m gibt, sondern diese zum Ziel der schöpferischen Entwicklung erhebt. 3.. Simmel1. Nicht wollen wir an dieser Stelle eine Darstellung der gesamten philosophischen Lebensarbeit dieses rastlos die Probleme der modernen Kultur mit seltener Feinfühligkeit und Reizbarkeit erspürenden Denkers versuchen. Nur insoweit die Bergsonsche Lebens- Philosophie von ihm zur K u 11 u r p h i 1 o s o p h i e emporgehoben wurde, das ist allerdings der Gehalt der letzten und bedeutendsten Epoche seines zu früh vollendeten Lebens, werde hier sein Weltbild festgehalten: a) Die Wendung zur Idee. Hat Bergson das Leben in seinem Fluten, seinem schöpferischen über sich Hinausgehen als Wesen des Lebens zu erfassen gesucht, so setzt Simmel diese Arbeit fort, indem er die schöpferische Entwicklung des Lebens auch auf seiner höchsten Stufe!, dem Geiste des Menschen, nachzuzeichnen sucht. Auch der Geist des Menschen, sein bewußtes Leben ist von der Dynamik des Lebens getragen. Ist jeder Augenblick des geistigen Lebens von bestimmten Inhalten erfüllt, die als solche durch Inhalt und Intensität verschieden sind, so schreitet das Bewußtsein über jeden seiner Inhalte zu neuen hinaus, unterscheidet die früheren von den jetzigen, erfaßt so ihre Eigenart, und darin liegende Begrenztheit. Aber auch der gesamte Inhalt des sinnlichen Bewußtseins . ist nicht eine absolute Grenze unseres Bewußtseins. Wir transcendieren unsere natürliche Wahr- ׳? nehmungswelt sowohl durch die künstlichen Werkzeuge, mit denen wir das unendlich Ferne und das unendlich Kleine zur Wahrnehmung bringen, als durch die begriffliche Ordnung, die wir über die Wahrnehmungswelt breiten. Wir erfassen aber auch die Kategori e n , mit denen wir jene begriffliche Ordnung aufbauen, werden uns ihrer Bestimmtheit und damit ihrer Begrenztheit bewußt, erkennen die subjektiven Voraussetzungen eines Weltbildes in der Eigenart der .es formenden philosophischen Persönlichkeit, erfassen die verschiedenen Typen philosophischer Formung, ihre notwendige Einseitigkeit, überwinden damit diese Einseitigkeit in der E r k e n n t n i s ihrer Relativität. 1 Simmel: Die Religion; Lebensanschauung; Philosophische Kultur; Der Konflikt der modernen Kultur; Das Wesen des historischen Verstehens; Remhrandt; Goethe; Kant; Schopenhauer u. Nietzsche.