Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 11)
- Language
- German
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259 In ihrer Beziehung auf die Tatsachen des Lebens und der Seele von intuitivem Gehalt. Intuitive Begriffe bilden alles geschichtliche Begreifen. Bergson gibt diesen Begriffen das Heimatsrecht in der Wissenschaft. Die Begriffe der Mathematik und Physik sind nicht die einzigen wahren Begriffe, neben den rationalen gibt es i r r.a t i o - nale Begriffedie so zur Erkenntnis des Lebens geeignet sind, wie jene zur Erkenntnis der anorganischen Natur. Ohne behaupten zu wollen, daß die Bergsonschen Begriffe schon die höchste Klarheit intuitiver Begriffe erlangt haben, sind sie der erste Versuch der modernen europäischen Wissenschaft, eine neue Erkenntnismethode der mathematischphysikalischen zur Seite zu stellen. Darin liegt ihre wissenschaftliche Bedeutung, wie immer diese Begriffe inh a 111 i c h beurteilt werden. Durch die Erfassung des Lebens als schöpferischer Natur aber werden wir in unseren! innersten seelischen Sein bejaht, erkennen!vir uns als lebendiges Ich, unserer Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, wie unserer schöpferischen Tatkraft, unserer Einheit mit der zur Freiheit des Bewußtseins sich emporringenden Natur bewußt, erfassen!vir uns als Zentren der Freiheit, der Tat. Nach zwei Richtungen erfordert für uns das Bergsonsche Weltbild seine V ervollst ändigung: 1. erfaßt Bergson den Menschen nur als intelligentes Wesen, das der denkenden Bewältigung der Wirklichkeit fähig, diese durch die Technik in den Dienst des menschlichen Lebenswillens stellt. Damit bleibt Bergson in dem positivistischen Ideal der Zivilisation als höchster Stufe des menschlichen Seins befangen. Noch kennt der Wille nicht höhere Ziele, als die Natur zu beherrschen, noch fehlt die Intuition des sittlichen Bewußtseins, in dem die Freiheit ihr höchstes Ziel erfaßt, fehlt die Erkenntnis der sittlichen Werte, der Kultur-!verte, die höher sind als die Werte der Weltbeherrschung. 2. identifiziert Bergson . die schaffende Natur, die schöpferische Entwicklung des Weltwillens mit Gott, bedeutet die Selbstbefreiung des Geistes die Selbstverwirklichung Gottes. Das jüdisch-religiöse Bewußtsein kann weder ein Werden Gottes anerkennen, noch die Identität Gottes mit Bergsons schaffender Natur oder schöpferischem Weltwillen. Denn diesem Weltwillen fehlt das Prädikat, das dem Gotte Israels wesentlich ist: die Heiligkeit. Selbst wenn ein Ausbau der noch fehlenden Bergsonschen Kulturphilosophie die sittliche Abzweckung der Weltschöpfung hervortreten ließe, so widerspricht die Heiligkeit Gottes seinem Versunkensein in seine Geschöpfe und den sie erfüllenden Lebensdrang.