Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 10)
- Language
- German
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258 sie in den Anfängen, aber sie wird wachsen und die Schöpferkraft des Lebens als Wesen des Lebens erfassen. Auch die Materie wird sie als die unterste Stufe geistigen Seins, als tiefste Abspannung des Geistes, sein fast erloschenes Bewußtsein erkennen, aus dem die Lebens- Schwungkraft sich zur Verwirklichung ihrer Freiheit erhebt. Verwunderung über den Mut zu solch romantischer Naturbetrachtung im Namen der Wissenschaft dürfte der erste Eindruck dieses Systems sein. Möge die Verwunderung auch hier der erste Anfang einer Ei'kenntnis sein, die ein vollständiges Umdenken unseres Weltbildes bedeutet. Festgewurzelt in den seit der Renaissance dem europäischen Geist gewohnten Bahnen rationalistischer Welterkenntnis, ja der Identifizierung von Wissenschaft und Rationalismus, will es uns wie eine Verhöhnung der Wissenschaft Vorkommen, namens der Wissenschaft den Irrationalismus des Verstehens über den Rationalismus des Denkens zu setzen. Doch müssen wir begreifen, daß hier eine Krisis im Wissenschaftliehen Erkennen ausgebrochen ist: die energische Anwendung der Denkmittel der Physik zur Bewältigung des Lebensproblems hat ihre Unzulänglichkeit für die Auflösung dieses Problems bewiesen. Je weiter die Methode der Physik in Biologie und Psychologie hineinreicht, umso fremder, unverständlicher wird uns die lebendige Natur, werden wir uns selbst. An Stelle der schaffenden Einheit unseres Willens, der Sinngehalte, des Zielstrebens unseres Lebens werden wir in die einander folgenden Inhalte unseres Bewußtseins zerlegt, wird unser I c h der Name für den mechanischen Zusammenhang unserer Inhalte, werden wir zum Nicht-Ich, einem Rad der Weltmaschine. Die mechanistische Naturwissenschaft, erklärt uns als Nicht-Ich, Bergson hält an unserem Ich-Charakter fest und will die lebendige Natur als Schöpferin dieses Ich, selbst als ein Ich erfassen. Als Ich erfassen wir uns in einem Akt der Intuition, nicht in rationaler Zerlegung unseres Seelenlebens in Elemente und defen äußerlichen Zusammenhang. Glauben wir dieser Intuition, dann verwerfen wir die Konstruktionen einer mechanistischen Psychologie und in Konsequenz einer mechanistischen Biologie. Bejahen wir die Erkenntnis der Intuition, dann erschließen die intuitiv gewonnenen Begriffe wiederum nur dem intuitiven Verstehen, nicht dem rationalen Zergliedern ihren Gehalt, denn sie sind Versuche, das intuitiv Erschaute zu beschreiben. Darum sind Begriffe wie Werden, Kontinuität, Dauer, schöpferische Entwicklung