Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 9)
- Language
- German
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257 Wirklichkeit. Nur ihre raumzeitlichen Zusammenhänge erfaßt er in den Formen der denkenden Verarbeitung der Wirklichkeit und schafft ein Bild der Wirklichkeit, das geeignet ist, dem Handeln Stützpunkte zu geben. Aus dieser Funktion, dem Lebenswillen das Feld seines Handelns zu beleuchten, gehen alle seine Akte hervor, ist die Struktur des Denkens zu verstehen. Denken ist nicht ein Abbilden der Wirklichkeit, sondern ihre Umformungzu einem Gegenstände möglichen Wirkens. Darum bezieht er die stetige Veränderung der Wirklichkeit auf den ruhenden Raum und die unveränderliche Zeit, um die Bewegung selbst in der abgelaufenen Zeit und der durchmessenen Strecke gleichsam zu fixieren, verwandelt die Physik das Werden der Wirklichkeit zur Unveränderlichkeit ihrer mathematischen Relationen. Denn die als starr begriffene Welt ist die sichere Grundlage des menschlichen Handelns. Ist das Weltbild der Intelligenz seinem Zwecke entsprechend geeignet, der Orientierung in der anorganischen Natur zu dienen und lebensforderndes Handeln zu ermöglichen, so versagt es aber, wenn mit den Mitteln der Intelligenz das Leben, das unberechenbares . Werden ist, begriffen werden soll. Hier verwandelt die mechanistische Biologie Leben in starres Sein unveränderlicher Elemente. Der Intellekt ist nicht geeignet, das Leben zu erkennen, seine Struktur schließt dies aus. Gelänge es, den Instinkt seiner Gebundenheit an die unmittelbare Lebenssphäre zu entreißen und ihn auf das Ganze des Lebens zu richten, dann würde er dieses, wie jetzt seine Umwelt von innen durchdringen und in einem Akt der Intuition sein Wesen erschließen. Eine solche Intuition ist möglich. Die künstlerische־ Intuition reißt die Schranke zwischen Leben und Leben nieder, ist ein Verstehen unmittelbarer Art und von sicherer Evidenz. Die Bergsonsche Philosophie des Lebens ist ein Akt solch künstlerischer Intuition, der das Leben der Seele im Leben der Welt wiedererkennt. ' ,Wie jenes, ist dieses schöpferische Entwicklung. Ein Strom schöpferischer Entwicklung, ein Bewußtseinsstrom als Energie schaffenden Willens durchwirkt die organische Natur in der Fülle ihrer Tendenzen, ihrer Richtungen. Pflanze, Tier und Mensch sind die Gestaltungen der Tendenzen des Lebenswillens. Immer freier erhebt sich die Kraft des Bewußtseins über die Dumpfheit der Materie, immer umfassender nimmt die Lebensschwungkraft die Materie in ihren Dienst: pflanzliche Gebundenheit, Instinkt, Intelligenz zeichnen die Bahn des sich befreienden Geistes. Die Intuition ist die Vollendung zu der das Bewußtsein drängt. . Noch ist