Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 256 (sequence 8)
- Language
- German
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256 Diese G e s c h i c h t e ist in ihrer Ziikunft nicht zu berechnen, aber auch ihre Vergangenheit ist uns nur bruchstückweise bekannt. Immerhin vermögen wir die entscheidenden zur Verwirklichung gelangten Tendenzen dieses schöpferischen Willens zu erkennen. Sie sind in Pflanze, Tier, Mensch Gestalt geworden. Nicht ein einheitliches Sein hat in ihr verschiedene Form angenommen, sondern die in der Einheit des Lebens ursprünglich eingeschlossenen verschiedenen Richtungen des Lebens haben sich zu ihnen gestaltet. Die Pflanze ist charakterisiert durch Verwandlung ihrer anorganischen Nahrung zu organischen Elementen des pflanzlichen Daseins, ist Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung durch Umsetzung anorganischer Energien in die organischen Prozesse der Ernährung, des Wachstums, der Fortpflanzung. Wie diese Lebensarbeit von der Pflanze an ihrem Standort verrichtet wird, ist die Pflanze dem Boden verwurzelt, demzufolge ohne Ortsveränderung und von schlafendem Bewußtsein. Das Tier ist auf organische Nahrung angewiesen, daher notwendigerweise beweglich, um die lebensnotwendige Nahrung auf zusuchen. Bewegung und waches Bewußtsein sind verbunden, wobei es schwer zu entscheiden ist, ob das Bewußtsein Ursache der Bewegung ist, wie es die Bewegung leitet, oder ob die Bewegung das Bewußtsein zur Wachheit gelöst hat. Jedenfalls verlieren Tiere, die zur pflanzenartigen Haftung am Boden zurücksinken mit der Beweglichkeit das wache Bewußtsein. Das Bewußtsein des Tieres ist Instinkt, der die Lebeusbehauptung und Fortpflanzung sichert. Das Organ, durch welches der Instinkt die Reize auf nimmt und die Handlungen ausführt, ist das Nervensystem, das mit der fortschreitenden Höhe des Instinkts an Ausdehnung und Differenziertheit zunimmt. Der M e n s c h ist das Wesen mit der Fähigkeit der Intelligenz. Intelligenz ist vom Instinkt wesentlich verschieden. Durchdringt der Instinkt die Lebenssphäre des Tieres, indem er alle Bewegungen mit Sicherheit auf das Ziel der Lebenssicherung richtet lind die Umwelt des Tieres diesem Lebenswillen dienstbar zu machen strebt, so ist er kenntnislos außerhalb dieser Sphäre der Lebensumweit. Der Intellekt schweift über alle Grenzen von Ort und Zeit, beobachtet die Reihe der Dinge, stellt ihre zeitlichen und räumliehen Zusammenhänge fest, erfaßt ihre Relationen und unterwirft durch Kenntnis ihrer konstanten Beziehungen die Dinge dem Lebenswillen.. Die Technik ist Werk der Intelligenz, die Werkzeuge ihre Erfindungen. Was aber der Intellekt so an Weite seines Wirkungsfeldes gewinnt, v e r li e r t er an Tiefe des Eindringens in die