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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 4 · p. Seite 255

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 4
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 255 (sequence 7)
Language
German
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255 Unmöglich wahr sind demnach alle Theorien, die wie der M a - terialismus die Seele zu einer Begleiterscheinung körperlicher Vorgänge nivellieren oder auch nur wie der Parallelismus eine bloßes Nebeneinander von Seele und Körper statuieren. Vielmehr bemächtigt sich die Seele des Körpers als ihres Instrum e n t s, durch welches sie die Reize der Umwelt aufnimmt und durch welches sie handelnd in die Wirklichkeit eingreift. Das Nerven- System ist die Leitungsbahn, auf der die Reize der Seele Zuströmen und die Handlungen sich vollziehen, das Nervensystem der Apparat, in dessen Dienst alle Erhaltungskräfte des Körpers stehen. Der Herrscher über den Leib ist die Seele als Reservoir von Indeterminiertheit, Freiheit, schöpferischer Entwicklung. Eine kritische Stellungnahme zu dieser intuitiven Psychologie werde erst beim Rückblick auf das Ganze versucht. Ihre Bedeutsamkeit für die Gewinnung eines Seelenbegriffs, der der Ethik und Religionsphilosophie die Naturbasis des persönlichen Lebens sichert, leuchtet hervor. b) Welt• Welches Licht fällt von dem so verstandenen Ich auf die Totalität der Natur, insbesondere auf das Reich der lebendigen Natur? Soll die organische Natur so verstanden werden, daß das Leben der Seele in ihr Raum hat, so geht es nicht an,, sie als einen bloßen Mechanismus physischer Energien zu fassen. Alle mechanischen Theorien deuten grundsätzlich das Leben als einen Spezialfall des kausal zu begreifenden kosmischen Werdens und negieren die Eigengesetzlichkeit des Lebens und somit der Seele. Eine Anerkennung der Eigengesetzlichkeit der Seele muß daher zur Forderung der gleichen Anerkennung für die Eigengesetzlichkeit des Lebens überhaupt führen. Bergson wagt es, nach zwei Menschenaltern einer mechanistischen Biologie der Biologie ein psychologisches Fun damentzu, geben, die Traditionen der romantischen Naturphilosophie, auf nehmend. Wie für Nietzsche ist für Bergson die lebendige Natur nich t ein Konglomerat nur kausal zusammenhängender physischer Elemente, sondern Schöpfung eines W e 11 w i 11 e n s. Dieser Wille aber schafft nicht nach fertigem Plan die Organisation der Arten und die sie durchdringenden Kräfte, sondern ist die Lebens- Schwungkraft, der Elan vital, der die Materie erfaßt und die in ihm liegenden Tendenzen gegen ihren Widerstand in ihr zu verwirklichen strebt. Die Entwicklung der Arten ist die Geschichte der Selbst- Verwirklichung der Lebensschwungkraft, des Weltwillens, ist schöpferische Entwicklung.

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