Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 6)
- Language
- German
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254 er in der Strömung des Meeres ist, so ,wenig können wir von Eiementen und besonderen Inhalten des Bewußtseins reden, ohne die Dynamik der Seele zu übersehen. In jedem Inhalt unseres seelischen Lebens aber lebt die ganze Fülle und Energie unseres Ich nicht nur als Untergrund, der ihn trägt, sondern zugleich als Zusammenfass u n g unseres I c h in dem momentanen Bewußtseinszustand des Jetzt. Im Gegensatz zur Vergangenheit der Körper weit, die in der Gegenwart gleichermaßen untergegangen ist und nur als Wirkung vorhanden ist, bewahrt das Ich seine Vergangenheit nicht nur in ihren Wirklingen, sondern ist sich seiner Vergangenheit in der Erinnerung bewußt. In unseren Empfindmlgen, Gefühlen, Handlungen reagieren wir in Gemäßheit unserer früheren Erfahrungen, Erlebnissen, Handhingen, sind unsere.Reaktionen vom Bewußtsein unserer Vergangenheit innerlich durchdrungen, und dies umso mehr, je bewußter diese Reaktionen Handlungen unseres Ich, Ausdruck unseres Wesens sind. So ist unsere Vergangenheit nicht untergegangen, sondern lebt das Leben der Erinnerung, vermögen war uns in unsere Vergangenheit zurück zu denken, uns in diese zu verlieren. Unser Ich umfaßt unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart, schließt beide in fließender Kontinuität einheitlich zusammen, kennt kein starres Vorüber und kein isoliertes Jetzt, sondern ist Kontinuität der Dauer. Aber auch unsere Zukunft ist kein abstraktes Ziel, losgelöst von der lebendigen Strömung unseres Ich. Die Empfindungen, Gefühle, Strebungen, Willensentschließungen unseres Ich ballen sich zu Wirkungen zusammen, die unsere Zukunft sind. Nicht als wenn diese Zukunft nur die Summe unserer Vergangenheit und Gegenwart wäre. Sondern wie die Gegenwart nicht unserer Vergangenheit .gleich t, vielmehr das Sein unseres Ich der schöpferische Grund unserer Wandhingen ist, ist unsere Zukunft S c h ö p f u n g unseres Ich in unberechenbarer Formung und Zusammenballung unserer seelischen Kräfte und Erlebnisse. In allen Wandlungen,׳ Strömungen, Zusammenballungen seiner Inhalte bleibt das Ich schöpferisch, ist sein Werden schöpferische Entwicklung. Und. je tiefer, gewaltiger ein Ich ist, umso machtvoller ist seine schöpferische Selbst- Verwirklichung, umso unberechenbarer seine Genialität, sein Werden. So ist das Leben der Seele Kontinuität des Werdens, Dauer, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umspannt, schöpferische Entwicklung, die alle Inhalte der Seele aus der eignen Tiefe umformt, durch sie hindurch ihre schöpferische Aktivität verwirklicht: die Seele das R eich der Freiheit