Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 4)
- Language
- German
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252 sein ist eine Waffe in diesem Lebenskämpfe. Denn die Solidarität der Menschheit vergrößert die Chancen des Sieges über die Gegner des Menschen, unterwirft die Natur dem Menschen, schränkt die Gefahren ein, die dem Menschen vom Menschen drohen. DieSittlichkeit sichert das,Leben des Menschen. Der Kampf um die Erhaltung des Lebens ist der Motor des Lebens. Der Realismus der Menschen der Gegenwart hat in diesem Bilde des Lebens seinen klassischen Ausdruck gefunden. Die wissenschaftliche Haltbarkeit des Darwinismus aber wird heftig umstritten, seine Voraussetzungen werden bekämpft. Gegen die zufälligen riehtunglosen Variationen und den Kampf ums Dasein als Komponenten der Entwicklung wird geltend gemacht: 1. daß die Entstehung komplizierter Organe oder gar differenzierter Organismen aus zufälligen Variationen so wenig erklärt werde, wie etwa das Entstehen einer wissenschaftlichen Arbeit durch Zusammenschieben der Buchstaben; 2. sind die Variationen der Arten vielfach nicht richtungslos, wie der Darwinismus annimmt, sondern wie die Theorie der Orthogenese hervorhebt, bestimmt gerichtet; 3. sind die zu Arten führenden Variationen nicht eine Summe unbedeutend kleiner Veränderungen, sondern gehen die Arten aus Mutationen hervor, die eine sprunghafte Veränderung der Arten darst eilen; 4. würden die richtungslosen unbedeutenden Variationen dem Kampfe ums Dasein keine Handhabe der Auslese darbieten. Denn diese Unterschiede sind sowohl zu unbedeutend, um für den Lebenskampf wesentlich zu werden, als würden selbst nützliche Variationen durch die Richtungslosigkeit der Veränderung wieder verloren gehen oder durch schädliche Variationen anderer Teile kompensiert werden; 5. setzt der Kampf ums Dasein den Lebenswillen der Erhaltung voraus, setzt also eine psychische Kraft in den Kampf ums Dasein ein,יdie eine zielstrebige nicht mechanische Ursache ist; 6. bleibt die Entstehung des Lebens und das Problem der Ontogenese ungeklärt; 7. wird die Beziehung des gesamten seelischen Lebens auf den Trieb der Selbsterhaltung als seiner Quelle nicht der Fülle der menschliehen Kräfte, insbesondere nicht der Selbständigkeit des sittlichen Bewußtseins gerecht. : Aus diesen Gründen, die sich noch vermehren lassen1, hat der Darwinismus in weiten wissenschaftlichen Kreisen an Geltung ver- 1 Vgl. des Vfs. Mechanismus und Idealismus. Jahresbericht des jüd.־ theol. Seminars 1919.