Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829909-2829914-2831599--45008-2831635- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
250 ' ' .. : schaftlichen und der religiösen Wahrheit ist. Die Gefahr der Gefühlsseligkeit bedroht die Religion, wenn sie sich im lyrischen Subjektivismus ihrer Ueberzeugungen einschließt, ohne deren Wirklichkeitsgehalt auch der wissenschaftlichen Erkenntnis gegenüber zu sichern. Vermag die Wissenschaft auch nicht die Religion zu begründen, so muß das wissenschaftliche Weltbild zum mindesten eine religiöse Stellungnahme möglich lassen, wenn diese nicht als subjektiv erscheinen soll. In dem Schleiermacherschen Weltbild besteht diese Einheit zwischen Metaphysik und Religion, und so bedeutet seine Verselbständigung der Religion nicht ihre Isolierung vom Gesamtleben der Persönlichkeit.3. Grade das Judentum aber betont mehr als jede andere Religion die A b h ä n g i g k eit der Welt und des W e 11 - lauf es von Gott. Gott schafft die Ordnung der Welt, den Menschen in seinem Ebenbilde, setzt ihn zum Herrn der Dinge ein, verkündet ihm Gesetze und Ziele des Menschenlebens, läßt die Zukunft der Menschheit von Gotteserkenntnis erfüllt sein. Die jüdische Religionsphilosophie darf daher am wenigsten zum bloßen Fideismus, der Beschreibung des Glaubensgehaltes, ohne Versuch ihn zu rechtf e r t i g e n , werden. Das aber ist gerade der Kern des Darwinismus, jede geistige Lenkung des Weltlaufes abzuiehnen und dem Zweckgedanken die Erkenntnisbedeutung zu nehmen. So wenig die anorganische Natur von der Physik unter Zweckgesichtspunkten betrachtet wird, sondern der mechanische Zusammenhang der Natur in den Naturgesetzen erkannt wird, dürfe die Biologie, wenn sie Wissenschaft sein will, bei der scheinbaren Zielstrebigkeit der lebendigen Natur als letzter Tatsache stehen bleiben, sondern müsse auch hier an Stelle der antiken, qualitativ teleologischen die moderne mechanistische Naturbetrachtung die m echanische n Ursachen der zweckvollen Zusammenhänge in der organischen Natur darlegen. Dies gestützt auf eine umfassende Kenntnis der biologischen Tatsachen versucht zu haben, ist die gewaltige Leistung Darwins: 1. Die fundamentale Tatsache, die i!r gleicher Weise in aller Wirklichkeit vorliegt, ist ihre Veränderlichkeit. Das Heraklitische Tldvza psl (Alles fließt) gilt nicht nur *für die anorganische, sondern auch für die organische Natur. Und nicht nur innerhalb _ 1 Vgl. Otto: Schleiermachers Reden über die Religion. 3. Au fl. Einleitung.