Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Kartenspiel und Spielkarten im jüdischen Schrifttume
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829909-2829913-2831470--44941-2831544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
210 ״Ach hoch laddai moaus Wer spiele will, tu Geld heraus!“ Um dieses Volks wort zu verstehen, muß man wissen, das eine Selicha von Erev Roschhaschono so anfängt: ״Ach hoch ladal moaus — O du, der du der Armen Zuflucht bist.״ Dem Spieler, der spielen will, aber kein Geld hat, soll Gott helfen! Ganz treffend ist ein Wort, dessen ^Ursprung den Einfluß interkonfessioneller Spielerkreise zeigt und das auf die Spielkarten angewendet ist ״ שקל שמןSatans״ lüge“. Läßt man nämlich jeweils die ersten Buchstaben (ש) weg, so kommt das Wort ״Karten“ heraus. Die Karten sind ein Satans״ werk — eine Bezeichnung, der wir oft in der nicht-jüdischen Literatur, besonders bei den christlichen Predigern begegnen. Von Rhaden erzählt in seinem Buche ״Aus der Erinnerungen eines alten, preußischen Soldaten“, daß die Soldaten vor einer Schlacht die Spielkarten über den Kopf rückwärts warfen, im Glauben, daß so die böse Macht des Satans unschädlich werde. Bekannt dürfte die Redewendung sein: ״Der gilt Schippe- Siebenche!“ d. h. ״er zählt nichts“, weil in einigen Kartenspielen der Kreuz-Siebener von Bedeutung, der Schippen-Siebener aber wertlos ist. Jüdische Kartenmaler werden in verschiedenen Teilen Europas ausdrücklich genannt. Im Jahre 1520 brachte Joseph Jud eine Petition bei dem Vorsteher eines Ortes am Rhein zu Gunsten seines Schwiegersohnes Maier Chajim, des Schulklopfers ein. Der Schulklopfer war nämlich auch Kartenmaler und beklagte sich, daß sein Geschäft durch andere Juden beeinträchtigt würde, die anderswo gemachte Karten einführten 1. Zum Schlüsse sei noch hingewiesen auf die sogenannte ״Purim- Gemara“, ein witzige Parodie des Talmuds, die der ״Purimlaune“ der Gelehrten entsprechend die wirklichen Diskussionen einzelner Talmudsteilen in verkehrtem Sinne auf die weltliche Fröhlichkeit anwendet und so die Lacher auf ihrer Seite hat Dort heißt es: ״Die Rabbiner haben gelehrt: Der Mensch ist an Purim zu dreierlei verpflichtet: zu essen, zu trinken und zu spielen. Hat er gegessen, ohne zu trinken, getrunken, ohne zu spielen, hat er seine Pflicht nicht erfüllt, bis er nicht gegessen, getrunken und-gespielt hat, denn es heißt: ״ein dreifach gedrehter Faden reißt nicht leicht.“ — ״Der Mensch ist verpflichtet, sich eifrig zu bemühen, eine Gesellschaft bei sich zu# finden, um mit ihnen zu spielen um Harnan, seine Söhne und alle solche Bösewichter, deren Ende bitter wie Wermut sei.“ Gemara: Woher weiß ich dies? Es steht in der Schrift geschrieben: ״es versammelten sich die Juden in ihren Städten“; — wenn es sich darum handelte ״zu trinken“ —1 wozu ist nötig ״sich zu versammeln?“ — so muß ich behaupten: es ist bewiesen, daß es sich um Spielpartien handelt. Bewiesen! 1 Brüll, Monatsblätter 1889, S. 182.