Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 3)
- Language
- German
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164 Der Kanzler hat offenbar das ganze Treiben des Hofpredigers auf das stärkste gemißbilligt und wenn er sich darüber auch in den Haüptzügen mit seinem Herrn, Kaiser Wilhelm I., einig war, so liebte doch der Kaiser keinen Eklat und mag nicht für ein allzu schroffes Vorgehen gegen Stöcker gewesen sein. — Jöhlinger, der die Akten auf das sorgfältigste eingesehen hat, legt uns nun einen Immediatbericht vor, den Bismarck zusammen mit Puttkamer an den Kaiser zu erstatten hatte und in dem ausdrücklich erklärt wird, daß ״die unter Leitung des Hofpredigers Stöcker in diesem Frühjahr veranstalteten -Versammlungen der christlich-sozialen Partei einen Charakter angenommen haben, der von Aufreizung zu Klassenhaß nicht frei ist und unerfüllbare Versprechungen macht, daher für die Ordnung des Staates als bedenklich bezeichnet werden muß und hat der Hofprediger Stöcker selbst in diesen Versammlungen namentlich die Judenfrage in einer Weise behandelt, die ernste Mißbilligung verdient“. Bismarck schlägt nun am Schluß dieses Berichts vor, ,,dem Hof- und Domprediger Stöcker im Sinne unseres ehrfurchtsvollen Berichts die Allerhöchste Mißbilligung der in seiner bisherigen Tätigkeit nach Form und Maß vorgekommenen Ausschreitungen und eine ernste Mahnung vor Erregung von Aergernis und Zwietracht erteilenlassen zu wollen“. Sehr interessant weist Jöhlinger an der Hand des faksimilierten Konzeptes nach, daß dieser scharfe Verweis von Bismarck selbst herstammt und von ihm in den ursprünglichen Entwurf hineinkorrigiert worden ist. — Schqn auf Grund dieser einen aktenmäßigen Mitteilung muß unsere ganze bisherige Einstellung zu dem Problem: ,,Bismarck und die Juden“ auf eine neue Basis gestellt werden. Wenn man doch von Seiten des Kaisers gegen Stöcker nicht so scharf vorging, wie es Bismarck im Sinne hatte, so hatte dies der Hofprediger dem Eingreifen des Dr. Hermes vom Evangelischen Oberkirchenrat zu verdanken. Wir sehen eben erst durch die jetzt vorliegende Publikation hinter die Kulissen. Bismarck hat offenbar alles getan, was zu tun war, um diesen Schädling zu beseitigen, der aber doch über einflußreiche Freunde verfügte. Bekannt ist, wie Kaiser Friedrich zur antisemitischen Bewegung• gestanden hat; in den wenigen Tagen, in denen er leider nur die Regierung führen konnte, hat er sich mit dieser Frage befaßt. Jöhlinger fügt einen faksimilierten Handzettel des Kaisers, der ja nicht mehr sprechen konnte, bei, in dem es heißt: ״Ich möchte, daß Goßler (der Kultusminister) sich mit dem Präsidenten des Ob. Kirchenrats in Verbindung hinsichtlich des Hofpredigers Stöcker setzte und demselben bedeute, daß bei aller Achtung persönlicher Ueberzeugung ich ihm freisteile, entweder sich ganz der politischen oder nur der seelsorg־erischen Tätigkeit zu widmen. Beides, wie es bisher geschehen, kann ich nicht zulassen.“ Schon war die Reinschrift einer Verfügung entsprechenden Inhalts an den Oberkirchenrat ausgefertigt, als der Kaiser Friedrich wenige Tage vor seinem Tode anordnete, ״daß die Angelegenheit des Hof- und Dompredigers Stöcker auf sich beruhen bleiben solle“. Nicht eine Sinnesänderung des Kaisers war die Ursache, aber er wußte, daß sein Ende ihm bevorstand und er wollte in seinem Feingefühl nichts tun, von dem er wußte, daß es im Widerspruch mit dem stand, was sein Nachfolger, Wilhelm II., nach der ihm bekannten Sinnesart unternehmen würde. Dieser aber stand den Kreisen des Hofpredigers recht nahe!