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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 2 · p. Seite 163

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 2
Article
[Rezension]
Date
1922-01-01
Page
Seite 163 (sequence 2)
Language
German
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hinzunehmen, und tue dies in den verschiedensten Lagern. Er bemüht sich nun; in völlig objektiver, tendenzfreier Weise das Material vorzuführen, und die ganze Schrift berührt schon deshalb so überaus sympathisch, weil ein guter Kenner der Probleme in rein wissenschaftlicher Weise an die Dinge herangeht! Er kann es darum billigerweise verlangen, gehört zu werden! Wer sich mit Bismarck eingehender beschäftigt hat, wird mit dem Yerfasser zu dem Resultat gekommen sein, daß der Alt-Reichskanzler durchaus nicht für sein ganzes Leben dieselben Ansichten gehabt hat, sondern daß er, wie auch jeder andere denkende Mensch, dem Gesetz der Evolution unterworfen ist. Man kann ihn auch darum, ihn, der als Stockpreuße begonnen und als Reichsdeutscher geendigt hat, nicht auf seine Ansichten in der Judenfrage, die er in seiner Frühzeit geäußert hat, für sein ganzes Leben festlegen. Es ergeben sich drei Teile seines Lebens, die sich scharf gegeneinander abgrenzen. ,,Die erste Periode umfaßt die Zeit von dem öffentlichen Auftreten bis zum Eintritt in den Staatsdienst als Bundestagsgesandter von Frankfurt. Die zweite Periode, die Zeit seiner Tätigkeit als Gesandter, als preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler bis zum Jahre 1890 und die dritte Periode die Zeit im Sachsenwalde bis zu seinem Tode.“ } In der ersten Periode ist er durchaus kein Judenfreund gewesen; dies erscheint auch verständlich, berücksichtigt man die junkerliche Atmosphäre, aus der Bismarck stammt und seine vollkommene Unkenntnis jüdischen Wesens um diese Zeit! Der Umschwung setzte dann wohl mit seiner Tätigkeit in Frankfurt ein,, und aus seinem ganzen späteren Leben ist keine judenfeindliche Aeußerung irgendwelcher Art nachzuweisen. Alle die Bismarckworte, die die Judengegner zu benutzen pflegen, stammen aus dem ersten Abschnitt seines Lebens, von dem er ja überhaupt in seiner Gesamtpolitik vollkommen abgerückt ist. Erwähnt muß hier vor allem sein in den Grundzügen schon bekanntes Verhalten auf dem Berliner Kongreß werden, auf dem er sich für eine Lösung der rumänischen Judenfrage im Sinne der Humanität aussprach und dem russischen Vertreter, Gostschakoff, gegenüber betonte, ,,ob nicht vielleicht der traurige Zustand der Juden in jenen Ländern gerade dadurch herbeigeführt worden sei, daß sie von der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Gleichberechtigung ferngehalten seien“. Zahlreich sind Bismarcks jüdische Beziehungen gewesen; es sei an die vielbesprochenen Besuche erinnert, die Lassalle ihm abstattete und deren Inhalt sich vielleicht niemals mehr vollkommen wird aufklären lassen, oder an Männer wie Karl Marx, Ludwig Bamberger, Eduard Lasker, von Simson! und andere mehr, unter denen sich allerdings schon mancher befand, der der jüdischen Religion den Rücken gekehrt hatte. Wir möchten auf diese Dinge hier nicht näher eingehen, ebenso wenig auf seine Beziehungen zu Bleichröder, weil diese Zusammenhänge als in der Hauptsache bekannt vorausgesetzt werden dürfen. Wie aber stand Bismarck zu dem ״Fall Stöcker“, dessen Taten ja die ״Berliner Bewegung“ in Fluß gebracht haben und dessen Name unseligen Angedenkens mit der Geschichte des neueren Antisemitismus unlösbar verknüpft bleibt. Es ist eine Legende, daß Bismarck zu ihm in näheren Be- Ziehungen gestanden habe; Stöcker ist nie von Bismarck persönlich empfangen worden, vielmehr behauptete der Htffprediger, ״daß eigentlich gerade der Kampf gegen das Judentum die Ursache für die Feindschaft Bismarcks gegen Stöcker gewesen“ sei.

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