Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Prozeß der Familie des Rabbi Chanina ben Teradjon im Lichte der römischen Rechtspraxis
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 3)
- Language
- German
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157 .. .־־ \ genossinnen, und mochte wohl gehört haben, auf welche Weise es der einen oder anderen gelang, sich vor dem Strafvollzüge zu retten. Denn genau wie die Tochter Rabbi Chaninas verfuhren auch andere jüdische (vgl. Taanith 22a) und auch christliche Jungf rauen. So wird — um ein Beispiel anzuführen — in der historia Lausiaca des Palladius (Kap. 148, 149) die Geschichte einer vornehmen korinthischen Jungfrau, die er aus einem Werke des römischen Presbyters Hippolyts (st. 238) entnommen hat, folgenderweise erzählt: Die Jungfrau wird wegen ihres Glaubens ins nopvetov gestellt mit dem Befehl, an den Wächter oder Wirt desselben eine bestimmte Summe aus ihrem Erwerbe den Behörden abzuliefern. Sie erwehrt sich aber der Lüstlinge unter dem Vorwände, mit einer übelriechenden Wunde behaftet zu sein. Es gelingt ihr eine Zeit, bis in einem gewissen Magistrianus der Retter in der Not erscheint. Dieser verschafft sich — natürlich gegen Entgelt — Eintritt in das Haus der Unzucht und borgt ihr seine Kleider. Die Flucht unter dem Schutze des männlichen Gewandes gelingt und Magistrianus, der edle Ritter der Tugend, wird ,,ad bestias“ verurteilt. Aehnlich, wie die erwähnte Jungfrau, verfuhr die Tochter Rabbi Chaninas, bis Rabbi Meir, der Mann ihrer gelehrten und geistvollen Schwester, der Beruria, erschien und sie befreite. Einen ,,Trikab von Denaren“ gab er dem Wächter des Schandhauses, damit er von der Hälfte die der Behörde abzuliefernde Summe noch eine Zeitlang zahle und so die Flucht verheimliche (wie Toseph. z. St. stw. וכי richtig bemerkten: שהיה נותן להשלפזון מס מן הזונות למספר גלגלותם, genau wie bei der korinthischen Jungfrau), und die andere Hälfte sich behalte. Rabbi Meir hatte aber mehr Glück als Magistrianus.' Er wurde nicht ,,ad bestias“ verurteilt, wie dieser, obgleich die Bestien auch im Falle Rabbi Meirs bei der Hand waren. Als nämlich der bestochene Wächter aus Furcht vor Entdeckung der Flucht noch zögerte, die unglückliche Jungfrau zu befreien, da zeigte ihm Rabbi Meir, wie ein kurzes Gebet an den Gott R. Meirs selbst auf wilde Tiere wirke. "״ ״/הוו הנהו כלבי דהוו קא אכל׳1 אינשיEs befanden sich daselbst Hunde, die Menschen fraßen“, sagt der Talmud, an welchen er die Macht des Gebetes erprobte. Wie kommen aber wilde Bestien in die Häuser der Lust? — Man muß nämlich wissen, daß die öffentlichen Häuser, in welchen die Preisgabe der unglücklichen Jungfrauen stattfand, sich in den Zirkussen befanden, in welchen auch die Volksfesthinrichtungen durch wilde Tiere vollzogen wurden (vgl. Juvenal, sat. III, 65 und Hieronymus in Isai 2, 7).