Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kindersegen und Kinderlosigkeit im altrabbinischen Schrifttume
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829909-2829912-2831345--44850-2831432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
147 Eine Berufung auf das Leben der Kinder galt als höchste Beteuernng der Wahrheit1. Hochgespannte religiöse Naturen pflegten sich auch bei etwaigen Gelübden auf das Leben eines ihrer Kinder zu berufen, um sich zur strengsten und gewissenhaftesten Erfüllung ihres Gelübdes anzueifern2. Manche zartfühlende Mutter, die überdies dem gesprochenen Worte eine ominöse Bedeutung beimaß, scheute jedoch davor zurück, bei einer Beteuerung vom Sterben ihrer Kinder zu sprechen und fügte deshalb das Wörtchen ,,nicht“ bei3. Auch die Rabbinen sahen es nicht gerne, wenn beim Leben der Kinder geschworen wurde. Wohl hören wir, daß R. Tarphon, wenn er in einen heftigen Widerstreit der Meinungen geriet, bei Verteidigung seiner Ansicht häufig die Phrase gebrauchte:!אקפד את בני ich will meiner Söhne verlustig werden, wenn..4, doch sprach sich schon der Patriarch R. Jehuda I. mißbilligend darüber aus, indem er R. Tarphon wegen seiner Schwurformel (מקפח את בניו) einen, der sich seiner Kinder beraubt, nannte. Das unstatthafte Beteuern beim Leben der Kinder illustriert der Talmud durch folgende zwei Erzählungen. Eine Frau kam zu ihrer Freundin, um bei dieser Brot zu backen. Beim Kneten des Teiges löste sich der Knoten ihres Tuches, aus welchem einige Goldstücke, die sie darin verwahrt trug, in den Teig fielen und in einen Brotlaib gerieten. Als die Frau die Goldstücke zu Hause vergebens gesucht hatte, beschuldigte sie ihre Freundin, die Goldstücke gefunden und an sich genommen zu haben. Die Freundin schwur beim Leben eines ihrer Kinder, von nichts zu wissen. Das Schicksal wollte, daß ihr kürz darauf ein Sohn starb, was die Verlustträgerin in ihrem Verdachte bestärkte und sie veranlaßte, ihre Forderung an die Freundin zu erneuern. Da sich diese unschuldig wußte, schwor sie beim Leben ihres zweiten Sohnes, daß ihr von dem Funde nichts bekannt sei. Zu ihrem Unglücke starb bald auch ihr zweiter Sohn. Als die Verlustträgerin bei ihrer Freundin einen Trauerbesuch machte, brachte sie zwei von den bei ihr gebackenen Broten zu dem üblichen Trauermahle mit. Beim Aufschneiden der Brote fielen, zum großen Erstaunen aller, die Goldstücke heraus. Der Erzähler schließt mit den Worten: auch diese Begebenheit beweist die Richtigkeit der verbreiteten Anschauung, daß es in allen Fällen, auch wenn man sich 1 Jer. Schebuoth VI, 5, Pesikta r. 113b, Lev. r. VI, 3, b. Gittin 35a. 2 Mecbiltba Friedmann, Bo. S. 19a. 3 Jer. Nasir II, 2 Ende,daselbst V, 4. 4 M. Oholoth XVI, 1, Jer. Joma I, 1 gegen Ende, Jer. Horajoth III, 2 gegen Ende, Siphre Numeri § 75 — 19b, Tosephta Chagiga III, 36 23826, b. Sabbath 17a, Zebachim 13a.