Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kindersegen und Kinderlosigkeit im altrabbinischen Schrifttume
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 8)
- Language
- German
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145 alle seine Sünden gebüßt1. Zu dem Schmerze der verlorenen Hoff•׳־ nungen gesellte sich die Schmach der Schuldbeladenheit. Denn es galt als zweifellos, daß hier keineswegs blinde Zufälligkeiten, sondern das Walten der göttlichen Vorsehung zu erblicken ist; dem Geschlechte, welches Gott erzürnt, läßt Gott die Söhne und Töchter im zarten Alter sterben2, sagte ein Lehrer des dritten Jahrhunderts. Begreiflicherweise forschten die Rabbinen bei einzelnen auffälligen Erscheinungen, welche Art von Schuld solche schwere Strafe zur Folge haben könne und nahmen nach ihrer Weise Anlaß, das Volk zur strengen Erfüllung der einen oder andern vernachlässigten Pflichten zu ermahnen. So meinte ein Lehrer, die Tränen, die um den Verlust eigener Kinder fließen, wären die Vergeltung für den nicht genügend gewürdigten Verlust eines frommen, rechtschaffenen Menschen3, Andere wieder meinten, nicht erfüllte Gelübde, Vernachlässigung des Thorastudiums, des Gebotes der Türpfosteninschrift, der Schaufäden, oder grundlose Feindschaft hätten den Tod der Kleinen verschuldet4. Auch eine mit den Lev 2021 f. verbotenen Verwandschaftsgraden eingegangene Ehe hat diese Strafe zur Folge5. Als ein des Glückes reichsten Kindersegens sich erfreuender Familienvater galt den Lehrern der Richter Ibzan, der nach der Erzählung der heiligen Schrift6 dreißig Söhne und ebensoviele Töchter besaß. Bei der Verheiratung eines jeden seiner Kinder veranstaltete er zwei Gastmähler, eines in seinem eigenen Hause und eines im Hause des Schwiegervaters des betreffenden Kindes. Zu keinem dieser Hochzeitsmahle lud er jedoch den kinderlosen Manoah ein, weil ״dieser unfruchtbare Maulesel“, wie er verächtlieh sagte, sich nie werde revanchieren können. Als Strafe für seinen Stolz und seine Verhöhnung des kinderlosen Manoah starben alle seine sechzig Kinder bei seinen Lebzeiten. Daher das Sprichwort; Lieber ein kräftiges Kind, als sechzig, die dahinsterben7. Derselbe Gedanke liegt auch folgender Hagada zugrunde. Gott sprach zu Penina: Du hast es darauf abgesehen, die kinderlose Hanna zu kränken und in ihrem Gemüte einen Sturm zu entfesseln (הלעיסה); wahrlich, wie in der Natur dem Sturme der befruchtende Regen folgt, so soll auch bei Hanna auf den Sturm in ihrem Gemüte der Kindersegen folgen. Und Penina wurde wegen ihrer kränkenden Worte hart bestraft. Hanna bekam drei Söhne und zwei Töchter (I Sam 221). Nach jedem Kinde, welches sie bekam, verlor 1 Berachoth 5b. 2 Kethuboth 8b. 3 Moed Katan 25a. 4 Sabbatb 82b, ygL Tanchuma Wajigasch Anf. 5 Sifra Weiß 93, Jebamoth 55a. 6 Richter 129. 7 Baba Bathra 91a. Der Text des Sprichwortes ist etwas dunkel.