Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kindersegen und Kinderlosigkeit im altrabbinischen Schrifttume
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 7)
- Language
- German
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144 Wir glauben in dem Bisherigen zur Genüge gezeigt zu haben, daß Kinderlosigkeit im Judentume stets als trauriges Los angesehen und sehr tief empfunden wurde. Es war hier wahrhaftig nicht notwendig, wie es Kaiser Augustus in Rom tat, für Kinderlose besondere Strafen festzusetzen. Der Kinderlose fühlte sich hart genug gestraft. Wenn es einen Schmerz gab, der den des Kinderlosen übertraf, so war es nur der, ungeratene und gottlose Kinder zu haben. Die Erwägung dieses Momentes mußte von den Rabbinen herangezogen werden, um Betroffene mit dem herben Geschicke der Kindexlosigkeit einigermaßen zu versöhnen. So predigte einst Rabbi Jochanan: Abraham und David haben an Gott die gleiche Bitte gerichtet. Abraham betete (Gen 15a): Herr der Welt, wenn mir Kinder beschieden sein sollten, die dich erzürnen werden, so ist es für mich besser, ich gehe kinderlos dahin. David betete (Psalm* 13923): Erforsche mich, o Gott, und erkenne meine Sprößlinge; wenn ich Kinder haben sollte, die dich betrüben, so ist es für mich besser, du führst mich den Weg der Ewigkeit1. In demselben Sinne lesen wir in Ben-Sira (163 f.): Besser ist ein frommes Kind als tausend schlechte Kinder, und kinderlos dahingehen, als viele gottlose Kinder haben. Zu dem frommen Manne, der weinend und geängstigt von dieser Welt scheidet, weil er keine Kinder hinterläßt, spricht Gott: Du besitzest eine wertvollere Frucht als Kinder, nämlich die Thora, mit der du dich beschäftigt hast, denn Salomo sagt: Die Frücht der Frommen ist der Baum des Lebens (Spr 1130): mit dem Baume des Lebens ist aber die Thora gemeint, wie es heißt: ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten (Spr 318)2. Als gleichwertiger Ersatz für den Entgang des Kindersegens wurde ferner die Erziehung von Waisenkindern angesehen und von den Rabbinen eindringlichst empfohlen. ״Wer ein Waisenkind, männlichen oder weiblichen Geschlechtes, in seinem Hause erzieht, dem wird es angerechnet, als ob er eigene Kinder hätte“3. 5• Kapitel: Das Sterben der Kinder. Wurde Unfruchtbarkeit als hartes ־ Geschick noch so schwer empfunden und getragen, es war das mildere Los im Vergleiche mit dem namenlosen Schmerze, welcher denjenigen traf, dem die Kinder, namentlich in zartem Alter, durch den Tod entrissen wurden. Wer seine Kinder verliert, hat durch den darob empfundenen Schmerz 1 Genesis r. 44, 9, s. Lurjas und Einhorns Kommentar z. St. 2 Tanchuma 8a, Tanchuma B, Noah 2. s Megilla 13a, Sanhedrin 19b.