Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kindersegen und Kinderlosigkeit im altrabbinischen Schrifttume
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 6)
- Language
- German
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143 Auf R. Akiba, der, während er einmal in Rom weilte, barfuß einherging1, kam ein Eunuch zu, der am Hofe des Kaisers ein hohes Amt bekleidete und sprach ihn an: Bist du der Lehrer der Juden? R. Akiba bejahte. Darauf der Eunuch: Höre von mir drei Dinge: wer auf einem Pferde reitet, ist ein König, auf einem Esel ein Freier, und wer Schuhe an den Füßen hat, ein Mensch. R. Akiba erwiderte: Höre auch du von mir drei Sprüche: Der Schmuck des Antlitzes ist der Bart, die Freude des Herzens ein Weib, eine Gabe Gottes sind Kinder. Weh dem Menschen, dem diese drei fehlen2. 1 Es muß dies einen besonderen Grund gehabt haben, da er selbst seinem Sohne empfahl, stets Schuhe zu tragen (Pesachim 112a), und die Lehrer auch sonst auf Fußbekleidung großen Wert legten (Sabbath 129a). Vielleicht war die Barf-üssigkeit Rabbi Akibas ein Zeichen der Trauer (vergl. II Sam 153 ., Jes 20a 4, Ez 2417) infolge der hadrianischen Anfeindungen. VergL auch Pesikta B. 120a. 2 Koh. r. zu X, 7. Vergl. Sabbath 152a. Nach der vielfach geteilten Ansicht, daß Kinderlosigkeit eine Strafe Gottes sei, traf auch Josua, den Schüler Moses, dieses Geschick. Er habe sich dadurch vergangen, daß er in Gegenwart seines Lehrers eine selbständige religiöse Entscheidung traf (Erubin 63a, Sanhedrin 17a). Nach anderer Meinung, weil er das jüdische Heer eine Nacht an der Erfüllung des Gebotes der Fortpflanzung und Vermehrung gehindert hat. (Daselbst. Nach Megilla 14b soll er nur keine Söhne, wohl aber Töchter gehabt haben, da die Prophetin Ghulda von ihm abstammen soll. Vergl. auch Pesachim 119b.) Daß zwischen kinderlosen Ehepaaren infolge gegenseitiger Zuschreibung der Schuld häusliche Zwistigkeiten keine seltene Erscheinung waren und ein autoritatives Eingreifen notwendig machten, werden wir wohl schon der bisherigen Darstellung entnommen haben. (Vergl. Jebamoth 65a.) Ganz deutlieh ersehen wir dies aus der Tendenz der Lehrer, den Engel, der der Frau des Manoah, Hazlelponith (B. Bathra 91a), erschien, als Friedensstifter erscheinen zu lassen. Der Engel sei deshalb ihr, der Frau, in Abwesenheit ihres Mannes und nicht diesem erschienen, um ihr mitzuteilen, daß die Ursache der Kinderlosigkeit in ihr liege, doch werde sie trotzdem einen Sohn bekommen (Numeri r. 10, 5). Einzelne Lehrer versuchten mittels Exegese zu beweisen, daß auch zwei der Patriarchen Abraham und Isak, ursprünglich unfruchtbar waren. Abraham war ein Tumtum (siehe darüber Preuß, Bibi. Talmudische Medizin, S. 263), dessen Zeugungsunfähigkeit erst später beseitigt wurde (Jebamoth 64a, vergl. Jebamoth 83b). Von Isak heißt es, er flehete gegenüber seiner Frau (לנכח אשתו nicht על א׳), was sagen will, daß er auch für sich flehete (Jebamoth 64a). Daß Michal, die Frau Davids, bis zu ihrem Todestage kein Kind hatte, wird als Strafe wegen ihrer geringschätzigen Aeußerungen über David aufgefaßt (Sanhedrin 21a, Numeri r. 4 gegen Ende). Ueber Jechonja, König von Juda, wurde Kinderlosigkeit verhängt (Jer 223:,), Buße hatte jedoch die Strafe abgewendet (Pesikta B. 163a, Pesikta r. 188, Levit. r. 10, 5, Schir r. zu VIII, 6, vergl. Sanhedrin 37b).