Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 18)
- Language
- German
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Gerechtigkeit nicht Mittel zur Erhaltung des Lebens, sondern die höchsten Ziele des Menschenlebens selbst. So verschieden die Menschen diesen Zielen gegenüber sich verhalten, so verschieden ist ihr Wert. Nach der Reinheit und Stärke des sittlichen Willens und Tuns bemißt sich der Wert des Menschen. Die Fähigkeit solche Ziele zu ergreifen, unterscheidet den Menschen vom Tier. Keine Entwicklungstheorie vermag das Hervorbrechen neuer Fähigkeiten im Menschen zu negieren, ohne den Tat- Sachen zu widersprechen. Der Darwinismus, der schon in der Anerkennung des Selbsterhaltungstriebes als Naturkraft die Grenzen einer mechanischen Naturerklärung überschreitet, vermag diesen im Menschen hervorbrechenden schöpferischen Kräften nicht gerecht zu werden. Dies ist ein Mangel der Theorie, dem zu Liebe nicht die Wirklichkeit vergewaltigt werden darf1. Auch wir erkennen die Tatsache der Entwicklung des Lebens an, aber die Entwicklungslehre muß der Tatsache schöpferischer Entwicklung Raum geben. Der Versuch der englischen Ethik, das sittliche Bewußtsein als Umformung des Egoismus zu erklären, darf als mißlungen bezeichnet werden. Sieghaft behauptet das sittliche Bewußtsein seine Unableitbarkeit aus egoistischen Trieben, so gewiß Liebe und Gerechtigkeit nicht ein bloß klügerer Egoismus sind2. Weil aber jeder Mensch des sittlichen Bewußtseins fähig ist, sind alle Menschen Kinder Gottes. Die sittliche Rangordnung zwischen den Menschen hat die sittliche Fähigkeit aller Menschen zur Voraussetzung. Mit der Ehrfurcht vor Gott verbindet das Judentum die Ehrfurcht vor uns und allen Menschen. Nicht weil wir vollkommen sind, sondern weil wir vollkommen werden sollen. Die Höhe des Ziels schafft eine Gleichheit des Strebens, ohne die Ungleichheit der Strebenden zu verleugnen. ,,Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige, euer Gott3.“ In der Einheit des Gottesreiches sind alle Unterschiede der Menschen bewahrt und behoben, sind die Führer die Sterne, die die Menge zur Gerechtigkeit, zur Nähe Gottes leiten. Mit der Wahrheit der sittlichen Intuition ist die Wahrheit der religiösen Intuition innig verknüpft, richtiger die sittliche Intuition ist ein Teil der religiösen Erkenntnis. Weil wir die Welt im Lichte Gottes sehen, hat sie Sinn und Ziel, unser Leben Höhe 1 Vgl. des Vf.s ,,Mechanismus und Idealismus“, Jahresber. des jüd.- theol. Sem. 1919. 2 Der Apriorismus des sittlichen Bewußtseins ist natürlich nicht identisch mit einem Apriorismus des Inhalts des sittlichen Bewußtseins. 3 Lev 192. '