Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 17)
- Language
- German
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■ 113 zur Macht,, wird der ,,freie Geist“ der Verkünder des ,,Uebermenschen“. Doch bedeutet der Wille zur Macht für Nietzsche nicht ein Mittel des Hedonismus, der größeren Summe von Lust, deren sich das Individuum bemächtigt. Glück, geschweige Lust, ist für Nietzsche nie die Bestimmung des Menschen gewesen: Sondern es soll der Wille zur Macht des Ausleseprinzip der organischen Natur sein, das ihre Höherentwicklung vom niedrigsten Lebewesen bis hin zum Menschen und darüber hinaus zum Uebermenschen bestimmt. Das Prinzip der Macht aber ist nicht im Stande, eine Rangordnung unter den Wesen zu begründen, es sei denn, daß der ästhetische Wert der Naturgewalt willkürlich als ethischer Wert bezeichnet wird. So hebt notwendigerweise die naturalistische Ethik jeden Unterschied zwischen Mensch und Tier auf und muß die ,,Bestie“ als höchsten Wert bezeichnen. Der Entwicklungsgedanke war es, der Nietzsche aus der Bahn der Anerkennung der apriorischen Ethik warf, der von der Basis des Darwinismus aus ihn gegen die intuitive Ethik Stellung nehmen ließ. Wenn der Mensch als Teil der Natur ihren Entwicklungsgesetzen untersteht, so scheint es notwendig, auch das sittliche Bewußtsein des Menschen als Produkt dieser Entwicklung zu erklären. Darwin faßte darum das sittliche Bewußtsein als den bereits im Tierreich wirksamen sozialen Instinkt, der der Erhaltung der Gattung nützlich ist und darum im Kampfe ums Dasein zu seiner Stärke gezüchtet wurde. Der Mensch wird sich seiner Verfehlungen gegen den sozialen Instinkt bewußt, und dies ist der Inhalt seines sittlichen Bewußtseins. Nietzsche sieht in der bloßen Erhaltung der Gattung keinen Wert und vermag darum den sozialen Instinkt nicht als höchsten Trieb des Menschen anzuerkennen. Der soziale Instinkt schafft die Herdenmoral, die alle Wertunterschiede innerhalb der Gattung nivelliert. Dagegen erhebt sein Individualismus, das Bewußtsein der Unvergleichlichkeit der Persönlichkeit, diese sein Leben in allen Krisen seiner Entwicklung tiefst erfüllende Ueberzeugung Einspruch und treibt ihn zur Negation aller Werte außer dem-Willen zur Macht. Auch wir vermögen die darwinistische Ethik nicht anzuerkennen. Auch für uns ist das sittliche Bewußtsein nicht mit dem sozialen Instinkt identisch. Denn Sittlichkeit erstrebt nie die bloße Erhaltung der menschlichen Gattung, sondern bestimmter Qualitäten der Menschheit, die ihren Rang bestimmen. Nietzsche stimmt Darwin darin bei, daß Liebe und Gerechtigkeit nur Nützlichkeitswerte sind, die der Erhaltung der menschlichen Gattung dienen, und lehnt sie darum ab. Das Judentum sieht in Liebe und