Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
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־ ■: ,. v v. ■■■ ,!15 und Wert. Es ist die Größe Nietzsches, daß er die Abhängigkeit der sittlichen Wahrheit von der religiösen Erkenntnis erfaßt hat: Ohne Gott ist die Welt ein Chaos1. Als Nietzsche an Gott nicht mehr glauben konnte, stellte er fest, daß die Welt ein Chaos sei. Die Lehre vom Willen zur Macht als Kern der Welt ist, wie Nietzsche sagt, Nihilismus, Verneinung der Werte aus Verzweiflung an ihrer Wahrheit. Die Wahrheit der Werte aber ist nicht identisch mit ihrem Wirklichsein. Ideale sind keine Elemente der Natur, sondern Ziele, zu denen die menschliche Natur sich erhebt, kraft der in ihr waltenden göttlichen Kräfte. Der Glaube an ihr Wirklichwerden ist nicht der Glaube an ihr Wirklichsein. Eine naturalistische Ethik macht aus Idealen Wirklichkeiten und findet dann in der Wirklichkeit keinen Raum für die Ideale. Nietzsche verfälscht die Ideale zum Begehren der Masse und bestreitet alsdann ihren idealen Charakter. Der Positivismus ist so wenig wie der Historismus fähig, Ideale zu erzeugen, denn er nivelliert alles auf eine Fläche des Seins. Nietzsches Naturlehre der Rangordnung der Werte als Morphologie des Willens zur Macht negiert den Rang des Menschen zu Gunsten des monistischen Willens zur Macht, der alle Wesen erfüllt. Nietzsches Ethik ist in Wirklichkeit aktiver Nihilismus und Nietzsche das gewaltigste Opfer des Naturalismus. Hier ist der kühnste und heroischste Wille vom Naturalismus um alle Ziele des Wüllens gebracht: aktiver Nihilismus ist der Wille zur Macht. Es ist wahr, daß das aus ägyptischer Sklaverei befreite Volk sich zur Höhe der Gotteserkenntnis erhoben hat, und daß der Auszug aus Aegypten das grundlegende Ereignis unserer religiösen Entwicklung geworden ist. Nicht aber als Sklaven, sondern als freies Volk stand Israel am Sinai. Die Gabe des Leids ward uns zur Gabe der Prophetie: nicht Sklaverei, Freiheit in Gott ist die Bestimmung des Menschen. ״Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht Gott2/' Dies ist das Wesen jüdischer Frömmigkeit, die Stimme Jakobs, die Stimme der Prophetie. 1 Siehe oben S, 104. 2 Sech 46.