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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 2 · p. Seite 112

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 2
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 112 (sequence 16)
Language
German
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werte sind? Und ist es nicht ±ür die Geltung des Wertes gleichgültig, wieviel oder wenig sich zu ihm erheben! Warum sind also ,unsere Werte nicht die wahren Werte? So ruht alles auf der Wahrheit der Nietzsch eschen These, daß die Lehre vom Willen zur Macht die Erkenntnis der Wirklichkeit ist. Dann aber muß die Lehre ihre Gründe aufweisen. Sie bestreitet, daß im Menschen ein anderer Wille als der zur Macht wirksam sei, da der Mensch ein Teil der Natur und in ihr alles Wille zur Macht sei. Ist aber die Natur Wille zur Macht? Wir erkennen, daß eine solche Erkenntnis weit über die ,,Beobachtung״ aller Natur- Wissenschaft hinausgeht, Metaphysik ist. Alle naturwissenschaftliche Erkenntnis kann nur die raum-zeitlichen Zusammenhänge der Erscheinungen feststellen und in Gesetzen bestimmen, dringt aber nicht zu einem Willen in den Erscheinungen vor. So wenig Schopenhauers ״Wille zum Leben״ ist Nietzsches ,,Wille zur Macht״ positive Erkenntnis, sondern, wie Schopenhauer es ausgesprochen hat, Intuition. Wir sind weit davon entfernt, in dem intuitiven Charakter dieser Erkenntnis einen Nachteil zu erblicken. Jede Erkenntnis ruht auf irrationalem Grunde, und umsomehr, je bedeutsamer sie ist. Darum aber ist noch nicht jede Intuition wahr. Für die Wahrheit der Intuitionen gibt es keine Wage, und doch herrscht keine Anarchie: dies ein Zeichen für die Objektivität der Wahrheit und die Fähigkeit des Menschen, sich zu ihr zu erheben. ■ Wird dies bestritten, so ist wieder alles Chaos. Ist nun die Natur Wille zur Macht? Ist nicht vielmehr die Natur verschieden in der anorganischen Natur,' in der organischen Natur, im Menschen und seiner Geschichte! Nicht vielmehr ein Fortschritt von der Unfreiheit des Daseins zur Freiheit schöpferischer Entwicklung! Nietzsche behauptet, daß das Judentum geirrt habe, wenn es in Wahrheit, Sittlichkeit, Heiligkeit die höchsten Werte der Menschheit, den Abglanz des Ewigen erkennt; denn der Mensch sei ein Teil der Natur, demnach vom Willen zur Macht beherrscht. Wenn aber, wie es die Ueberzeugung des Judentums ist, erst im Menschen die Schöpfung vollkommen wurde und ihr tiefstes Wesen enthüllt, ist dann nicht vielmehr der Mensch der Schlüssel der Natur, die Freiheit der Grund der Welt, — Wahrheit, Liebe und Heiligkeit, die höchsten Ideale —, auch der göttliche Quell der Wirklichkeit? Auch Nietzsche erschließt die Natur vom Wesen des Menschen. Nur weil er an der Wahrheit und Tiefe des im Menschen lebenden Willens zur Wahrheit und zur Güte verzweifelt, faßt er den Menschen und so auch die Natur als Willen

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