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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 2 · p. Seite 111

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 2
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 111 (sequence 15)
Language
German
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weisen, die sich als nützlich für die Erhaltung der in menschlicher Gemeinschaft lebenden Individuen erwiesen haben. Wir nennen sie wahr und gut, nicht nützlich, nur weil wir ihre soziale Funktion, der Erhaltung der menschlichen Gattung zu dienen, aus dem Bewußtsein verloren haben.; Nichtsdestoweniger ist Nützlichkeit der Grund ihrer Geltung. Nietzsche bestreitet nicht den egoistischen Ursprung ׳der kulturellen Werte, wohl aber ihre allgemeine Nützlichkeit und damit die einzige ihnen zukommende Geltung. Jene ,,kulturellen“ Werte dienen nicht der Erhaltung der menschlichen Gattung, sondern ihrer schwächsten und minderwertigsten Exemplare. Denn nicht Wille zum Dasein ist der Kern alles Lebens, sondern Wille zur Macht. Alles Lebendige kämpft nicht um sein Dasein, sondern um Ausbreitung seiner Macht, ״greift soweit mit seiner Kraft, als es kann, und unterwirft sich das Schwächere1“. Nur weil das Stärkste das Seltenste ist, aber auch das Gefährlichste, rotten sich die vielen Schwachen gegen die große Gefahr zusammen. Die kulturellen Werte sind der. Wille zur Macht der Herde zur Ueberwältigung des Großen, Umkehrung der wahren Rangordnung des Lebendigen, Decadence, Sklavenaufstand. Angenommen, daß dem so wäre, ist die Erkenntnis des Willens :zur Macht als Kern des Lebens Wahrheit oder selbst ״perspektivische“ Erkenntnis, Diktat des Willens zur Macht? Wenn letzteres, so gibt es keine Diskussion, so ist die Lehre vom Willen zur Macht keine Theorie, sondern ein Schlachtruf, vielleicht eine Lehre, ״um züchtend zu wirken: stärkend für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden2“. Wenn alle unsere Begriffe perspektivisch sind, so auch der Begriff des Willens zur Macht; wenn es keine Erkenntnis ■gibt,'״die diesen Namen verdient, so ist auch die Erkenntnis der Wirklichkeit als Wille zur Macht keine Erkenntnis, sondern Wille des Befehlshabers, des Philosophen. Doch gibt es Erkenntnis. Denn die Erkenntnis der kulturellen Werte als Herdenmoral ist Erkenntnis des intellektuellen Gewissens.. Der Glaube an die Wahrheit ist die Grundlage auch des Glaubens an die Wahrheit der Herrenmoral. Oder alles wird Spiel: ein Vielleicht, ein Chaos. Die Wahrheit der Utilitätsmoral bekämpft Nietzsche als flach, unwahr, pöbelhaft. Wir stimmen ihm zu, daß der sittliche Wille, daß Wahrheit, Liebe, Heiligkeit nicht Nützlichkeitswerte sind. /Warum aber sollen wir glauben, daß sie Herden- \V_.-v zur Macht III § 769. 2 Wille zur Macht IY § 862.

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