Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
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"109 um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen, gutmütigen Händen gefallen zu lassen1/' Die Ideale der Menschheit verurteilen das Dasein, indem sie es verneinen, denn das Dasein ist Wille zur Macht. Die Schwachen und Hilfsbedürftigen schufen sich an den Idealen eine Schein weit, die ihnen das Dasein erträglich machen sollte, Ideale des niedersinkenden Lebens. ,,Der radikale Nihilismus ist die Ueberzeugung einer absoluten Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werte, die man anerkennt, handelt; hinzugerechnet die Einsicht, daß wir nicht das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein Ansich der Dinge anzusetzen, das ,,göttlich", das leibhafte Moral ist. Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen ״Wahrhaftigkeif“: somit selbst eine Folge des Glaubens an die Moral2." Jede rein moralische Wertsetzung endet mit Nihilismus. Doch dieser Nihilimsus ist zweideutig: Das moderne Europa kennt nur den Nihilismus der Müdigkeit, der Enttäuschung, der Selbstbetäubung. Aber es gibt auch einen Nihilismus, welcher angreift, einen aktiven Nihilismus , der die Ursachen des Nihilismus erfaßt und überwindet. Der passive Nihilist fordert, daß das Dasein sinnvoll sei und findet es unbefriedigend, öde. Aber woher nimmt man diesen ״Sinn", dieses ״Maß"? Vergnügen und Unlust, das Uebergewicht von Leid über Lust, oder das Umgekehrte, der Hedonismus, diese beiden Lehren sind schon Wegweiser zum Nihilismus, denn hier wird die Lust- oder Unlust-Empfindung als letzter Sinn gesetzt3. — Hingegen die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere Mißtrauen des Menschen bejaht die Sinnlosigkeit des Daseins. Die Ursache des passiven Nihilismus ist die Müdigkeit der degenerierten Instinkte, die ihrer Illusionen müde geworden ist, an sie nicht mehr glauben kann und darf. Der produktive Nihilismus ist ein Zeichen von Stärke, von Kraft. Die Sinnlosigkeit des Daseins entfaltet die ganze Stärkes seines Willens, die ganze Macht seines Seins, seine unausschöpfliehe Fruchtbarkeit. Er deckt die Immoralität der moralischen Werte auf, enthüllt, ihren Willen zum Nichts, die Mittel 1 Wille zur Macht I S. 119. 2 Wille zur Macht I S. 145. ״Alle Werte, mit denen wir bis jetzt die Welt zuerst uns schätzbar zu machen gesucht haben und endlich damit entwertet haben, als sie sich als unanlegbar erwiesen — alle diese Werte sind, psychologisch nachgerechnet, Resultate bestimmter Perspektiven der Nützlichkeit zur Aufrechterhaltung und Steigerung menschlichen Herrschaftsgebilde und nur fälschlich.projiziert in das Wesen der Dinge. Es ist immer noch die hyperbolische Naivität des Menschen, sich selbst als Sinn- und Wertmaß der Dinge anzusetzen.“ Wille zur Macht I S. 151. s Wille zur Macht I S. 164.