Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
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108 Schroff und hart ist dieser neue Glaube, die Einsamkeit eines granitnen Willens. Der freie Geist hat sich zur Erde zurückgefunden, er will nicht über dem Leben schweben, sondern dem Leben dienen. Mit hartem, klarem Blick aber dringt er zu seinem innersten Kern, und der ist nicht Liebe, Gott, sondern Wille zur Macht. Nach Größe des Lebens dürstet sein Wille, die Größe des Lebens ist die Größe der Macht, die Ewigkeit des Lebens die ewige Wiederkehr. Das ist der Ring der Ringe, der alles Seiende umfaßt. Ehern ist das!.eben, überwinde es durch die eherne Härte deines Wüllens! Liebe es, denn es ist furchtbar und voller Gefahr, und der Mensch einsam wie im Hochgebirge, 1wo das Leben schweigt! Das ist das psychologische und philosophische Problem im Typus Nietzsche-Zarathustra, wie ,,der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein tut, zu allem, wozu man früher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines Neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal, ein Verhängnis von Aufgabe tragende Geist, trotzdem der leichteste und jenseitigste sein kann — Zarathustra ist ein Tänzer —; wie der, welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat, welcher den ,abgründigsten Gedanken‘ gedacht hat, trotzdem darin keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige Wiederkehr findet — vielmejir einen Grund noch hinzu, das ewige Ja zu allen Dingen selbst zu sein, das ungeheure unbegrenzte ,Ja- und Amen-sagen‘. In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes Jasagern Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal1“. Man fühlt, hier hat der stolzeste und kühnste Mensch seinen höchsten Gipfel erklommen. Unter ihm liegt alles, was der Menschheit heilig ist. Illusion ist ihre Wissenschaft, die Gesetz, Ordnung, Zusammenhang, Entwicklung in das Sein hineinsieht. Alles ist ,,ein perspektivischer Schein, dessen Herkunft in uns liegt, insofern wir eine engere, verkürzte, vereinfachte WTelt fortwährend nötig haben“2. Die Ideale der Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit, sittliehe Weltordnung, Gott sind falsche Küsten und Sicherheiten, Illusionen von den ,,Guten“ in den Abgrund des Seins hineingelogen. Nicht Wahrheit, sondern der Wille zur Macht der Schwachen- und Degenerierten. ,,Die Existenzbedingung der Guten ist die Lüge: anders ausgedrückt, das Nichtsehenwollen um jeden Preis, wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht derart, um jederzeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger derart, 1 Ecce homo 'S. 96. - 2 Wille zur Macht I S. 153.