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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 2 · p. Seite 107

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 2
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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107 Pflichten, sie keine Rechte. Auf der Unfreiheit der Masse baut sich die Herrschaft der Mächtigen auf1. Schwer aber lastet die Herrschaft der Stolzen und Starken auf. den Leibern und Seelen der Unterworfenen. Gut nennen sich die Herrschenden und schlecht die Verächtlichen, die Unterworfenen. Böse aber nennen diese ihre Bezwinger, ihre Bosheit, Macht, Gewalt- - tat, Unterdrückung, und gut ist ihnen ihre Geduld, Schwäche , Sanftmut, Hilfsbereitschaft. So treten zwei Moralen, zwei Wertungen einander entgegen: gut und schlecht, und gut und böse. Was den Herrschenden ,,gut“ ist, gilt dem Unterworfenen ,,böse“, und das ,,gut“ der Unterworfenen nennen die Herrschenden ,,schlecht“. Weil der Schwache nicht weh tun kann, kehrt er seine Grausamkeit gegen sich selbst und martert sich mit der ,,Schuld, dem schlechten Gewissen“, dem ,,Vergehen“ gegen den ,,heiligen Gott“. Die Herrsehenden kennen keine Schuld, kein ,,schlechtes Gewissen“, keine ,,Nächstenliebe“, keinen ,,Gott“2. Das j ü d i s c h e Volk, das ,,Sklavenvolk der Erde“, hat in der Genialität seines Racheinstinkts, des Ressentiments die Moral der Schwachen, der Unterworfenen, der Herde entfaltet und im ,,Sklavenaufstand der Moral“ zur herrschenden gemacht. Rom wurde von Judäa besiegt, als die Kirche sich das impexium Romanum unterwarf. Seitdem verdarb die Moral der Nächstenliebe alle starken Instinkte, erschüttert die ,,Gleichheit vor Gott“ die Ungleichheit der Menschen. In der Renaissance schien das habtote Rom zu neuem Leben zu erwachen. Aber die Reformation erstickte es, wie das Frankreich des 16., des 17. Jahrhunderts in der Revolution, der Demokratie, dem Utilitarismus, der Gleichheit und Freiheit unterging. Napoleon war die letzte Erscheinung des Willens zur Macht, der Glücksfall des 19. Jahhrunderts, der spurlos wieder versank3. Gibt es eine Rettung aus dieser Entartung der Menschheit? Nur wenn das Verderben erkannt wird, die Sklavenmoral entthront und die Moral der Herrennatur, die neuen Werte die herrschenden werden. Dazu aber bedarf es der Menschen, die Umfang und Tiefe des Geistes haben und Stolz und Kühnheit, um das Leben zu werten, seinen Rang zu bestimmen. Der Tyrannen, Befehlshaber, Gesetzgeber, Philosophen, die die Ordnungssysteme der Herdenmoral ihrem Herrscherwillen unterwarfen und Bedingungen schaffen für die Züchtung ganzer aus sich lebender Menschen, des Uebermenschen4. 1 Jens. v. Gut und Böse S. 239 ff. 2 Geneal. d. Moral S. 299 ff. 3 Geneal. d. Moral S. 334. * Jens. v. Gut und Böse S. 187. 8*

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