Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829909-2829912-2831343--44805-2831390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
105 Geschichte. Doch man wird es begriffen haben, worauf ich hinausgehe, nämlich, daß es immer noch ein metaphysischer Glaube ist, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft beruht — daß auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetyphysiker auch unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein Jahrtausende alter Glaube entzündet hat — daß Gott die Wahrheit ist, daß die Wahrheit göttlich, ist. Aber wie, wenn dies grade immer mehr unglaubwürdig wird, wenn nichts sich mehr als göttlich erweist, es sei denn der Irrtum, die Blindheit, die Lüge1? So sind wir dem Gegensätze verfallen ,,entweder schafft eure Verehrungen ab oder euch selbst! Das letztere wäre der Nihilismus, aber wäre nicht auch das erstere der — Nihilismus? Das ist unser Fragezeichen2“. Seit Pascal ist die ganze Gegensätzlichkeit von Wissen und Glauben und ihr untrennbarer Zusammenhang nicht tiefer erfaßt worden, als von diesem Denker des ״Positivismus“. Und welcher Gegensatz des ,,freien Geistes“ zum Spencerschen Ideal der bürgerliehen Gesellschaft, die in Erfüllung der Gattungsideale, in Industrialismus und Demokratie, in Gleichheit und Freiheit das vollkommene Leben der Menschheit erlangt! Ist dies das durch den Gattungsinstinkt dem Menschen gesteckte Ziel, dann entflieht Prinz Vogelfrei diesem Lande des Ideals. Man fühlt: eine feine Linie führt von der ersten Entwicklungs- periode zur zweiten, verbindet den dionysischen und den intellektualistischen Individualismus: der Glaube an die Lebenüberwindende und Lebenbejahende Kraft der Person Li c h k e i t. Die Kraft der Persönlichkeit aber ruht nicht mehr in der Intuition, sondern in dem prometheischen Stolz und Willen zum Ich. Trägt dieser Wille aber auch über den Abgrund des Nihilismus? Ist die Erkenntnis des Menschlichen, der Welt der Kunst, Religion, Metaphysik als allzumenschliche Illusionen ,,fröhliche Wissenschaft“, ,,Morgenröte?“ oder — incipit tragoedia, Zarathustra! Jedenfalls ein Schreiten am äußersten Rande menschlichen Seins. Dies bestimmt die Höhenlage der Nietzscheschen Probleme. III. Der Wille zur Wahrheit hat Nietzsche in die Eis wüste der Erkenntnis geführt, die, Erkenntnis auch führt ihn heraus in die Weite eines neuen Glaubens. Denn ist es wahr, daß Selbsterhaltung der Grundwille alles Lebenden ist? ״In die Höhe will es sich bauen, 1 Fröhl. Wissensch. S. 273 ff. 2 Fröhl. Wissensch. S. 280. 8 Monatsschrift, 66. Jahrgang.