Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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Losgebunden von der Sklaverei der Tradition, von der Macht des Instinkts, von der Fessel des Gefühls, von der Täuschung der Phantasie schwebt der Geist im Unendlichen und sieht Kunst, Metaphysik, Religion versinken.. ,,Wir haben Gott getötet! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die• Nacht und mehr Nacht* 1?“ Doch was drängt uns auf diese Bahn anders als der Wille zur Wahrheit! Wer aber ist dieser unbedingte Wille zur Wahr־ heit? Ist es der Wille, sich nicht täuschen zu lassen? Ist es der Wille, nicht zu täuschen? Aber warum nicht täuschen, aber warum nicht sich täuschen lassen? Etwa weil es unklug ist, sich täuschen zu lassen, so daß Wissenschaft eine lange Klugheit und Vorsicht wäre! Aber was wissen wir vom Charakter des Daseins, um entscheiden zu können, ob der größere Vorteil auf Seiten des unbedingt Mißtrauischen oder des unbedingt Zutraulichen ist? Falls aber beides nötig sein sollte, viel Zutrauen und viel Mißtrauen: Woher dürfte dann die Wissenschaft ihren unbedingten Glauben, ihre Ueberzeugung nehmen, auf dem sie ruht, daß Wahrheit wichtiger sei, als irgend ein anderes Ding, auch als jede andere Ueberzeugung? Also kann der Glaube an die Wissenschaft, der nun einmal unbestreitbar da ist, nicht aus einem solchen Nützlichkeitscalcül seinen Ursprung genommen haben, sondern vielmehr trotzdem, daß ihm die Unnützlichkeit und Gefährlichkeit des‘Willens zur Wahrheit, der ,,Wahrheit um jeden Preis“ fortwährend bewiesen wird. ,,Um jeden Preis,“ o, wir verstehen das gut genug, wenn wir erst einen Glauben nach dem andern auf diesem Altäre dargebracht und abgeschlachtet haben — folglich bedeutet Wille zur Wahrheit nicht: ich will mich nicht täuschen lassen, sondern es bleibt keine Wahl ,,ich will nicht täuschen, auch mich selbst nicht“ — und hiermit sind wir auf dem Boden der Moral. Es ist kein Zweifel: der Wahrhaftige in jenem verwegenen und letzten Sinne, wie ihn der Glaube an die Wissenschaft voraussetzt, bejaht damit eine andere Welt als die des Lebens, der Natur und ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, daß er unendlich ist, und daß es nichts Furchtbareres gibt als Unendlichkeit. O, des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfiges stößt! Wehe, wenn das Land־Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre — und es gibt kein Land mehr! “ Fröhl. Wissensch. S. 162. 1 Fröhl. Wissensch. S. 163.