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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 2 · p. Seite 103

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 2
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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sie sind nichts als die Stimme des Instinkts* 1. So verbergen wir unsere ganze ,,Fliegen- und Frosch-Armseligkeit“ unter erhabenen Lehren vom Zwecke des Daseins, der Vernunft des Lebens. Aber es ,,ist nicht zu leugnen, daß auf die Dauer über jeden einzelnen dieser großen Zwecklehrer bisher das Lachen und die Vernunft" und die Natur Herr geworden ist: Die kurze Tragödie ging schließlich immer in die ewige Komödie des Daseins über und zurück, und die ,,Wellen unzähligen Gelächters“ — mit Aeschylus zu reden - - müssen zuletzt auch über den größten dieser Tragöden noch hinwegschlagen2.“ Der ״freie Geist“ durchschaut diese Komödie des Daseins. Sein intellektuelles Gewissen erlaubt es ihm nicht, an der Falschmünzerei des. Gattungsinstinktes teilzunehmen. Mit der Kraft des sich selbst wiedergegebenen Geistes erkennt er ״Wahn und Irrtum als eine Bedingung des erkennenden und empfindenden Daseins“3, unterwirft er sich nicht dem ״Gut und Böse“, ״Wahr und Falsch“ der Menschenherde. Diese Freiheit der Erkenntnis ist sein Stolz und seine Heiterkeit der Mut des Drachentöters. Wenn aber die Wissenschaft immer weniger Freude durch sich macht, und immer mehr Freude, durch Verdächtigung der tröstliehen Metaphysik, Religion und Kunst nimmt, so verarmt jene größte .Quelle der Lust, welcher die Menschheit fast ihr gesamtes Menschentum verdankt. Deshalb muß die höhere Kultur dem Menschen ein Doppelgehirn, gleichsam zwei Hirnkammern, geben, einmal um Wissenschaft, sodann um Nichtwissenschaft zu empfinden. Produktiv zwar vermögen wir nicht mehr Kunst, Metaphysik, Reli-. gion zu schaffen, die Magie des Todes umspielt sie. Doch genießen wir in Hinsicht ,auf die Vergangenheit alle Kulturen und deren Hervorbringungen und nähren uns mit dem edelsten Blute aller Zeiten. In Hinsicht auf die Zukunft eröffnet sich uns die unendliche Perspektive der Freiheit4. ו 1 ״Jener Trieb, welcher in den höchsten und gemeinsten Menschen gleichmäßig waltet, der Trieb der Arterhaltung, bricht von Zeit zu Zeit als Vernunft und Leidenschaft des Geistes hervor; er hat dann ein glänzendes Gefolge von Gründen um sich und will mit aller Gewalt vergessen machen, daß er im Grunde Trieb, Instinkt, Torheit, Grundlosigkeit ist. Das Leben soll geliebt werden, denn! Der Mensch soll sich und seinen Nächsten fördern, denn! Und wie alle diese Solls und Denns heißen und in Zukunft noch heißen mögen!“ Fröhl. Wissensch. S. 35. 2 Frö.hl. Wissensch. S. 36. 3 Fröhl. Wissensch. S. 142. 4 ״Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns — mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein, sieh dich vor! Neben dir liegt der Ozean: Es

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