Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 Geistes4' täuschen lassen. ,,Lieber sterben, als hier leben, so klingt die gebietende Stimme und Verführung; und dieses ,hier', dies ,Zuhause' ist alles, was sie bis dahin geliebt hatte1!“ So erfaßt Nietzsche die tiefe Tragik seiner Entscheidung. Denn solches Leben eröffnet ihm die Wahrheit, der er nun vertraut: Sie rechtfertigt den Bruch mit der Romantik und stärkt sein Mißtrauen gegen die Welt der hohen Gefühle und absoluten Ueberzeugungen. Der Mensch ist nicht eine unwandelbare Größe, eine aeterna veritas, das Maß der Dinge, wie die Philosophen glauben, sondern selbst ein Geschöpf der Wirklichkeit, ein schwaches, endliches Produkt ihres Werdens. Mit den Kräften der Phantasie, des Willens, des Intellekts, der Leidenschaft sucht er in ihr Geheimnis einzudringen und schafft Bilder des Seins״ die den Menschen zum Mittelpunkt haben. Leidenschaft, Irrtum und Selbstbetrug, die allerschlechtesten Methoden der Erkenntnis, nicht die allerbesten, haben daran glauben gelehrt. Dies erkennen heißt Religion, Kunst und Moral in ihrer Entstehung beschreiben und ihren Wert vernichten. ״Mit Religion, Kunst und Moral rühren wir nicht an das ,Wesen der Welt an sich', wir sind im Bereich der Vorstellung״ keine ,Ahnung' kann uns weiter tragen2.'' Wenn der Mensch diese Einsicht in den Selbstbetrug der Intuitionen gewonnen hat, als was erkennt er sich? Als Geschöpf unter Geschöpfen, und wie alles Lebende vom Trieb der Selbsterhaltung im Dasein festgehalten wird mit klammernden Organen, so stehen, wie alle physiologischen, so die geistigen und seelischen Kräfte des Menschen im Dienste des Erhaltungswillens■ der menschlichen Gattung. Der Instinkt der Selbsterhaltung entfaltete den Keim des menschlichen Bewußtseins, schuf die intellektuelle Organisation, durch welche wir die Wirklichkeit, und zwar in solcher Weise erfassen, daß unsere Selbstbehauptung gesichert ist. Die Schwäche und Hilflosigkeit des Menschen schuf die Sprache als Organ der Vereinigung zum Zusammenhalt der menschlichen Herde, die Logik, die Zahl zur Vereinfachung und Beherrschung der vielstimmigen Wirklichkeit und das sittliche Bewußtsein als die tausendjährige Tradition der Sitte, der Urvätererfahrung des Gemeinnützigen oder dessen, was man dafür hielt3. Von der Kraft des Gättungsinstinktes werden wir im Innersten beherrscht, und alle Moralen der Religionsstifter, der Philosophen, so souverän sie sich geben, 1 Menschl. Allzumenschl. Vorrede S. 6. 2 Menschl. Allzumenschl. I S. 25. 3 Menschl. Allzumenschl. II S. 49. -Fröhl. Wissensch. S. 149. 290. Morgenröte S. 15.