Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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101 verlustig: Erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegüng zur Einheit ab1/' Der. Mythos erschließt dem titanischen Erleben die Einheit von Religion, Kunst und Philosophie, ist das Symbol der Wahrheit und Tiefe des Lebens. In Wagner sah Nietzsche den Genius, der berufen sei, der Gegenwart die mythische Tiefe wiederzubringen, die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik, als der unmittelbar dionysischen Kunst, von neuem zu vollziehen. So wenig aber Schopenhauers asketischer Pessimismus Nietzsche zu vollem Bewußtsein kam, er in Dankbarkeit für die durch ihn gewonnene Klarheit die Unterschiede bemerkte oder betonte, die ihn von seinem Meister schieden, sah er in dem Enthusiasmus der Jüngerschaft, daß Wagner nicht der dionysische Künstler sei, sondern auf dem Wege zum Parsifal, zum Kniefall vor der Kirche sei. Kein Erlebnis aber wurde erschütternder als dieses: mit dem Vertrauen auf den Meister schwand sein Vertrauen zur Wahrheit der dionysischen Erkenntnis, zur Wahrheit der Kunst,• des Mythos, zur Tiefe des Lebens. Wenn Gefühl und Intuition so zu irren vermögen, können sie die Führer zur Wahrheit sein?! II. Religion, Kunst, Philosophie sind die Mächte, die dem Leben Tiefe geben. Ihnen dankt der Mensch, daß er dem Augenblick Dauer verleiht. Der beseligenden Wirkung der hohen Gefühle hingegeben, ahnen, schauen, fühlen wir den heiligen Kern der Wirklichkeit, unsere ewige Bestimmung. Der Enthusiasmus reißt uns aus den Schranken des Individuums hin zu dem Herzen der Welt. ״Kern der Natur Menschen im Herzen!" Und wTer hätte tiefer als Nietzsche diese Macht des Enthusiasmus gefühlt! Wie aber, wenn die Erkenntnis deutlich machte, daß tiefe Gefühle nur starke Gefühle sind und alle Glut der Sehnsucht nicht ihre Erfüllung verbürgt?! Daß Kunst, Religion und Philosophie mit ihren Intuitionen, absoluten Erkenntnissen, Symbolen nur die Sprache des menschlichen Herzens reden, Schöpfung unserer Leidenschaft und Phantasie sind! Die Wissenschaft ruht auf dem Willen zur Wahrheit, auf dem intellektuellen Gewissen. Dem Willen zur Wahrheit vertraut sich Nietzsche an — und , sollte sie alle seine Ueberzeugungen als Täuschungen auflösen. Der ganze Heroismus seiner Persönlichkeit konzentriert sich in dem Willen zur Wahrheit. Man hat die Epoche des Positivismus, ind^e Nietzsche nun eintritt, seine glücklichste Epoche genannt und hat sich von der Heiterkeit des ״freien 1 Geb. d. Trag. S. 160.