Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
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Schleier der Maja, der über das Geheimnis des Lebens gebreitet ist. ׳־ Der glühende,, unvergängliche Kern der Wirklichkeit aber die ewig schaffende Macht des Willens. Und hier wird zugleich der ganze Gegensatz der Naturen offenbar. Während für Schopenhauer die Genialität selbst des Künstlers und Heiligen diesem Weltwillen keinen Sinn zu geben, sondern nur die unersättliche Qual des Willens zu endigen vermag, die Mortifikation des Willens der düstere asketische Sinn aller Genialität ist, sprengt für Nietzsche die dionysische Leidenschaft die Bande alles bloß individuellen Daseins, um das Individuum in jauchzendem Jubel aufgehen zu lassen im glutvoll-schöpferischen Leben des All. Ein kühnerer Hyperion erfüllt Nietzsche die Formen Schopenhauerscher Philosophie mit der Glut seiner Naturfrömmigkeit. ,,Man verwandele das Beethovensche Jubellied der ,Freude' in ein Gemälde und bleibe mit seiner Einbildungskraft nicht zurück, wenn die Millionen schauervoll in den Staub sinken; so kann man sich dem Dionysischen nähern1." Kant und Schopenhauer geben Nietzsche die Formeln dafür, daß der Intellekt mit seinen apriorischen Formen nur auf die Oberfläche des Lebens eingestellt ist, der theoretische Mensch nur von dieser Oberfläche des Lebens weiß und wissen will. Zur Wahrheit des Lebens aber führt der Mythos, der im dionysischen Rausch bei den Müttern des Seins geschaut ist. Das ist für Nietzsche die ewige Bedeutung der tragischen Kunst der Griechen, daß sie die dionysische Erkenntnis des Lebens gewährt, den metaphysischen Trost für alle Vergänglichkeit des Daseins in dem Erleben der unvergänglichen Schöpferkraft der Natur, von der ein Teil zu sein, Glück, Schöpferfreude und Verhängnis des Menschen ist. Der heroische Mensch verlangt nichts Anderes und Höheres als ein Teil dieses schöpferischen Lebens zu sein. Seine Seele ist Feuer, sein Leben ein Hauch der alllebendigen Natur. Nur der Genius fühlt das göttliehe Leben des All und strömt es aus in dem Uebermaß seines Fühlens und Wollens, er auch büßt dieses Uebermaß mit seinem Untergang. Die griechische Tragödie ist die dionysische Erkenntnis des Lebens, die Schöpferin des Mythos. Ihr Zerstörer war Sokrates, der theoretische Mensch, der die Macht der Instinkte durch die Helligkeit der Erkenntnis aufzulösen suchte und an Stelle des tragisehen Mythos die Wissenschaft mit ihrem Optimismus der Begreiflichkeit und der Beherrschbarkeit des Lebens setzte. ,,Ohne Mythos aber geht jede Kultur ihrer gesunden schöperischen Naturkraft 1 Geb. d. Trag. S. 24.