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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 2 · p. Seite 99

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 2
Article
Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
Date
1922-01-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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kämpft Goethe gegen die neue Methode der Naturbetrachtung. Im Bunde mit der mathematischen Naturwissenschaft revolutioniert die Technik die Lebensformen, trägt den Geist der Beobachtung, der ,Zergliederung, der Berechnung von der Höhe der Forschung in die Massen der Arbeitenden. Wirtschaftliche Gegensätze erhalten schärfere Bestimmtheit. Die Großstädte entstehen, werden zu Brennpunkten des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Die Arbeit der Maschinen tritt in den Mittelpunkt des Lebens. Die soziale Frage erhebt ihr Haupt, die Fruchtbarmachung des Kapitalismus für das Glück aller wird das Problem der Probleme. Der Enthusiasmus der menschlichen Seele findet hier sein einziges Feld; alles andere, Persönlichkeit, Menschheit, Gott ist verschüttet, Staub, Moder geworden. ' I. In dieser Wende der Zeiten, im Jahre 1848, ist Friedrich Nietzsche geboren. ,,Vor allem, daß es für mich keiner Absicht dazu bedarf, sondern eines bloßen Abwartens, um unfreiwillig in eine Welt hoher und zarter Dinge einzutreten: Ich bin dort zu Hause, meine innerste Leidenschaft wird dort erst frei1''. Dies zu Hause sein im Reich der Seele ist die große Gabe, die Nietzsche nicht nur seinem Vater, der religiösen Tradition; sondern ebenso sehr Schulpforta, seinen klassisehen Studien, seiner Liebe zu Schiller, Hölderlin, Heraklit, Empedokles zu danken hat. Das heilige Land großen Menschentums nährte die Kräfte seiner Jugend: Religion, Musik, Dichtung, Philosophie, Freundschaft waren die Quellen, denen sein heroisch künstlerischer Lebenswille entstieg. In Schopenhauer fand Nietzsche den Führer, der seine gärenden Kräfte zur Freiheit der Klarheit einte. Es war nicht der Philosoph des Pessimismus, der ihn in seinen Bann schlug. Dazu war sein Wille zu kühn, sein Herz zu gläubig. Wenn aber Nietzsche in den ,,Unzeitgemäßen Betrach־ tungen“ seinen Romantikerkrieg führt gegen alle Sattheit des Besitzens, Oberflächlichkeit des Genießens, Hast des Erwerbens, Spe־ zialistentum der Wissenschaft, Dienstbarkeit der Kultur, Unterdrückung der Genialität, gegen den Dreibund von Rationalismus, Demokratie und Utilitarismus, so wurde ihm Schopenhauer der Genius, der das freiwillige Leiden der Wahrhaftigkeit auf sich genommen. In trotziger selbstgewählter Einsamkeit sah er ihn im tiefsten Gegensatz zu allem, was Oberfläche des Lebens ist, den Ritter mit Tod und Teufel. Und diese ganze Oberfläche des Lebens mit aller Buntheit und Unbeständigkeit der Erscheinungen wurde der 1 Ecce homo S. 14 (Große Ausgabe).

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