Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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Kräften der Umwelt, der wir innerlich angehören, vermögen wir das Erbgut unserer Religion wahrhaft lebendig und unser Leben bestimmend zu erhalten. Dieser Pflicht ist sich das Judentum der Gegenwart stärker als früher bewußt geworden, auch dies ein Zeichen des Erstarkens des religiösen Geistes in4unserer Mitte. Nehmend und gebend wollen wir unsern Teil haben am religiösen Suchen unserer Zeit, auf daß die Kraft der Gotteserkenntnis, das Erbe Israels, neu erblühe. So sei eine Stellungnahme zur Religionsphilosophie der Gegenwart versucht: L Friedrich Nietzsche. ,,Sein Geist ist zweier Zeiten Schlachtgebiet — Mich wundert's nicht, daß er Dämonen sieht!“ Bis zu den Zeiten der Renaissance muß zurückgehen, wer einen solch tiefen Zusammenstoß von Geisteswelten erfassen will, wie er im Deutschland ,des 19. Jahrhunderts erfolgte. Und vielleicht ist der Gegensatz von kirchlicher Autorität und Souveränität des Menschen, der damals die Zeitalter schied, weniger tief, wie der des klassischen Humanismus zum. Realismus des neuen Deutschland. Denn die Souveränität der Renaissancekultur, brachte den vollen Gehalt tiefsten Menschentums, die sittlich-religiösen, künstlerischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen Kräfte des Menschen zur Entfaltung und schuf nach Zertrümmerung der mittelalterlichen Formen neue Formen kraftvollen Idealismus. Ein Meer von Enthusiasmus, von Menschenliebe, von Gottesliebe erfüllt die Jahrhunderte, in denen der Geist der Renaissance sich auswirkt, strahlt auf in den Künstlern, den Denkern, den Dichtern, den Revolutionären des gesellschaftlichen und politischen Lebens, die das neue Europa schaffen, die die neue Menschheit sind. Das ,,halkyonische Zeitalter“ des klassischen Idealismus ist die leuchtende Höhe, zu der die Renaissance sich erhebt. Hier vereinigen sich alle Kräfte frei entfalteten Menschenwesens zum Bilde des Menschen, der die Einheit des Erkennens und Wollens, des Fühlens.und Gestaltens wiedergewonnen, der Natur und Menschenleben, Persönlichkeit und staatlich-gesellschaftliche Gemeinschaft, Nation und Menschheit, Gott und Welt in einheitlicher Größe der Weltbetrachtung umfaßt. Hingegen-in jähem Absturz versinkt diese Welt im Realismus des 19. Jahrhunderts. Die wirtschaftlichen Kräfte des Industrialismus erschüttern die Lebensgrundlage des kleinstaatlichen Daseins, verlangen nach Zusammenschluß, unterstützt von der Kraft des nationalen Idealismus. Die Naturwissenschaften emanzipieren sich von ihrer Eingliederung in die philosophischen Systeme. Vergebens