Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 65 (1921)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
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374 Besprechungen Frömmigkeit erwachsen kann — was freilich nicht nur von Delitzsch, ja, vielleicht nicht nur im christlichen Lager hat bezweifelt; werden können. Gewiß enthält der Psalter kein Lied auf die Nächstenliebe, wie es Delitzsch (an dem ein Dichter verloren gegangen zu sein scheint) allen/Ernstes verlangt; er preist zunächst die fromme Hin־■ gäbe an Gott; aber aus ihr quillt notwendig, wie es der 15. Psalm ausführt, jene ,,Reinheit des Herzens und der Hände“, die an zwei schönen Stellen .der Iphigenie nachklingt und ein menschliches, ja vornehmes Verhalten gegen den Nebenmenschen ausdrücklich einschließt. Ganz eigenartig mutet es weiter an, wenn zur Herab- Setzung des Wertes der Psalmen auf die Fehler der lateinischen Uebersetzung (der Vulgata) und der Lutherbibel verwiesen wird, zumal im Hinblick auf Delitzsch’ Forderung, den Theologen das Studium der hebräischen Sprache zu ersparen, sie also auf Ueber- Setzungen, die natürlich nie das Original ausschöpfen können, zu verweisen. Daß übrigens gerade liier der für das Alte Testament bestimmte Pfeil mit verstärkter Kraft das Neue trifft, liegt auf der Hand; die Aussprüche Jesu sind uns ja bekanntlich nur durch die griechische Uebersetzung erhalten, deren Sprache man erst infolge der neueren Funde wissenschaftlich zu verstehen begonnen hat. Zum Beweise dafür, daß der ,,Heilige Israels'4 der ausschließ־ liehe Gott Israels geblieben sei, beruft sich Delitzsch allen Ernstes auf den Ansdruck ,,Schqusa“ der Ghettosprache für Christenkind. Vielleicht folgert er auch die Ueberheblichkeit der Süddeutschen über die Preußen aus gewissen Kraftworten des oberbayrischen Dialektes. Wir möchten uns nicht damit begnügen, mit König (S. 1.1) auf einen während der Arbeit ihm zugegangenen Aufsatz , von Wohlgemuth über die Erwählung Israels (Jeschurnn VIII, 89 ff.) zu verweisen als Zeugnis dafür, wie sich der Jude der Gegenwart das Verhältnis Gottes zur Welt und zu Israel denkt. Wollte sich Delitzsch wirklich über das Förtleben des biblischen Gottesbegriffs im Judentum Klarheit verschaffen, so hätte er nur die Religions- Philosophen zu fragen brauchen, die sämtlich selbstverständlich ihren Gott als den Regenten der ganzen Welt darstellen und eben wegen der1 Reinheit ihres Monotheismus zwar von Aristoteles, Plotin und dem Sufismus gelernt haben, das Trinitätsdogma aber nur zu polemischen Zwecken erwähnen. Und was das Bewußtsein des gegenwärtigen Juden betrifft, so unterscheidet er sich von manchem nichtjüdisehen Betrachter der Bibel dadurch, daß er die Lehre von Gott als dem Weltgott in der Bibel als völlig selbstverständlich empfindet. Wenn ׳etwa Naomi im Anfänge des Buches Ruth ihre Schwiegertöchter bittet^ nach Moab zurückzukehren, wo ihnen