Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 65 (1921)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Der Kuß
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 338 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829903-2829908-2831211--44581-2831288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
338 Der Kuß. Einer der Märtyrer von Trient starb vor der. Hinrichtung im Kerker: er starb im Küß, wie Ahron, der Hohepriester (Ha-söfe me־eres hägär 2, 19). Später wird der Kussestod stereotype Formel auf Grabsteinen, z. B. Wachstein, Wiener Grabsteine 2 p 76 n. p XXX mltat nesika und neesaf binesikä. Auch den synagogalen Dichtern ist die Vorstellung geläufig, z. B. Mose b. Samuel (Zulat zu Simchat Tora): Da er siehet, daß nicht fromme Flehen und Gebetes Wort, Zu dem sanften Kussestode macht er sich bereit sofort. Während Eisenmengers Haß die Sache ,,Gottes Ehr zuwider und sehr verkleinerlich“ findet (1, 86), hat Herder sich den poetischen Gedanken nicht entgehen lassen (Blätter der Vorzeit 1787). Er gibt in einfacher, ergreifender Dar- Stellung das ganze Zwiegespräch zwischen Gott und Moses nach dem Midrasch wieder und schließt: da küßte der gnädige Gott seinen Knecht und nahm im Kusse seine Seele. Moses starb ,,am Munde Gottes“ (Sämtl. Werke. Zur Lift. u. Kunst 10, 56). Philosophisch vertieft wird die Agada von Maimuiti (More 3, 51. Bacher, die Bibelex. Maim. 17): Die Liebe zu Gott ist am vollkommensten, wenn der Mensch unter der Last der Jahre, dem Tode nahe ist. Da wird sie zur wahren Leidenschaft und inmitten dieser Seligkeit trennt sich die Seele vom Körper. Diesen Zustand meinen unsere Weisen, wenn sie sagen, Mose, Ahron und Mirjam seien im Gottesküsse gestorben: sie sind in der Seligkeit ihres Gotterkennens, in der Macht ihrer Gottesliebe heimgegangen. Unsere Weisen bedienen sich* der allegorischen Ausdrucksweise, nach welcher das aus der leidenschaftlichen Liebe zu Gott sich ergebende Gotteserkennen Kuß genannt wird, wie geschrieben steht: er küsse mich mit den Küssen seines Mundes. Das ganze H L ist eine Allegorie der Gottesliebe, welche die Seele des Menschen mächtiger ergreift als die Liebe zum Weibe.