Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 65 (1921)
- Issue
- Heft 5
- Article
- S. M. Dubnows "Neueste Geschichte des jüdischen Volkes"
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 7)
- Language
- German
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206 S. M. Dubnöws; ״Neueste Geschichte des jüdischen Volkes״. liehe Kreise zu kommen, jene feige Verleugnung alles Jüdischen, so darf man doch nicht vergessen, daß das jähe Zusammenprallen zweier verschiedener Kulturen immer Auswüchse hervorbringen muß. Man darf über der abstoßenden Außenseite der ungeheueren Werte nicht vergessen, die das , vertrocknete und erstarrte Judentum, das damals den wenigsten noch einen Lebensinhalt gab, durch die europäische Umwelt empfangen hat. Man ödarf nicht vergessen, daß diese Umwelt die Welt Schillers und Goethes, Lessings und Kants war, in die der Jude nach Jahrhunderten geistiger Absperrung plötzlich versetzt wurde. Und zudem! Es ist doch nicht bloß Mode, Koketterie, geistiger Libertinismus gewesen,' daß damals eine Reihe von Männern und Frauen sich völlig an die deutsche Kultur verloren. Sie ist vielen doch tiefe Herzenssache gewesen. Man denke nur an die Inbrunst und den heiligen Ernst, mit dem Rahel ihrem Kreise Goethe offenbarte, an die Stellung, die Dorothea Schlegel bei den Romantikern einnahm, Oder um unter vielen andern ein politisches Beispiel änzuführen: Dubnow verurteilt das bekannte Toleranzedikt Josef II. vom Jahre 1782, wiewohl es nachweislich im Vergleich zur Judenordnung von 1704 wesentliche Verbesserungen, besonders in der sozialen Stellung der Juden, enthielt. Denn es hat gleichzeitig die Autonomie der jüdischen Gemeinde vernichtet, die - jüdische Sprache und die nationale Kultur zu verdrängen gesucht. Und doch müßte meines Erachtens eine wirklich wissenschaftliche Forschung das Problem auch von der anderen Seite her packen, aus der Struktur, der Verfassung und Verwaltung, den Wirtschaftliehen und kulturellen Verhältnissen des damaligen österreichischen Staates heraus, aus der Persönlichkeit Josefs und seiner Ratgeber. Josef war sicher kein Freund der Juden. Aber aus bloßer Antipathie wichtige Staatsaktionen zu erklären, geht doch nicht an. Wenn er die jüdische Autonomie vernichtete, so geschah dies nicht, weil er die Juden