Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 65 (1921)
- Issue
- Heft 5
- Article
- S. M. Dubnows "Neueste Geschichte des jüdischen Volkes"
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829903-2829907-2831079--44428-2831118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S. M. Dubnows ״Neueste Geschichte des jüdischen Volkes“. 205 Dubnows Gedanken tragen, wenn sie auch nicht in letzte Tiefen gehen und die verschlungene jüdische Frage zu lösen vermögen, doch ihre große Berechtigung in sich. Aber was die Stärke und Wirksamkeit des Publizisten ist, kann die Schwäche des Historikers werden. Freilich muß der Historiker, wo er Werturteile fällt, diese messen an der eigenen, politischen, weltanschaulichen Einstellung. Aber diese Beurteilung darf nicht geschehen auf Kosten der Verurteilung entgegengesetzter Prinzipien und Anschauungen. Dubnow aber möchte., wie einst Sybel, wie Häusser, wie Dahlmann und Treitschke das Publikum politisch erziehen, es seiner Welt gewinnen. So ist es selbstverständlich, daß er die Politik Napoleons in der Judenfrage verurteilt, daß er die ״servile Gesinnung“, ״die nachgiebige und liebedienerische Haltung“ der NotabelnVersammlung von 1806 bekämpft, daß er gegen die Reformation Holdheims und seiner Anhänger vorgeht, weil ״sie den ganzen Bau der jüdischen Geschichte auf den Kopf stellten“, daß er in Jacobsons Wunsch, Synagoge, Schule und Gemeindeordnung zu germanisieren, die Quelle seiner traurigen Verirrungen sieht. Natürlich kann eine Geschichtsdarstellung, unter dem Gesichtspunkt politisch-aktueller Tendenzen gesehen, frachtbare und anregende Elemente enthalten. Zumal für uns in Deutschland, w7o wir seit Jahren die Emanzipationsperiode meist nur von Anhängern der Assimilation erzählt bekamen. Aber es hat doch ästhetisch etwas Peinliches, große Persönlichkeiten wie Friedrich II. und Napoleon, Goethe und Fichte, Marx und Dostoj ewsky einseitig nur durch die jüdische Brille zu« betrachten. So behandelt auch Dubnow, um nur ein kleines Beispiel zu nennen, die kulturelle Emanzipationsepoche in Preußen in einem allzu spöttischen und leichten Tone. So viel Haßliches sicherlich jene Taufepidemie ihrem ganzen Wesen nach an sich hatte, jene Sucht, in hohe und höchste Christ-