Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 65 (1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein Beitrag zur Methode der vergleichenden Religionsforschung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 21)
- Language
- German
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Eia Beitrag zur Methode der vergleichenden Religionsforschung. 127 bösen Trieb im blinden Körper, so daß beide gemeinsam die Tat vollziehen ־und gemeinsam die Tat büßen müssen. Ans dem Judentum ist dieses Gleichnis in den Islam und nach Syrien eingedrungen (vgl. G. Nestle, Or. L. Z. 1912, 254; 3481). Im Islam lautet dieses Gleichnis: Bei Allahs Jüngstem Gericht wird ein Streit zwischen Seele und Leib entstehen; beide werden sich zu rechtfertigen und die Schuld von sich abzuwälzen versuchen. Die Seele wird die Schuld auf den Körper schieben und sprechen: ,0 Herr! Meinen Leib habe ich von dir empfangen, denn du erschufst mich ohne Hand,?‘ohne Fuß, ohne Augen, ohne Verstand; daher bestrafe meinen Leib und erlöse mich/ Der Körper wird aber sprechen: ,Ich hatte weder Hand noch Fuß, bis die Seele gleich einem Lichtstrahl in mich eindrang, da fingen meine Zunge an zu reden, meine Augen zu sehen und meine Füße zu gehen; daher bestrafe meine Seele und erlöse mich/ Allein Allah wird ihnen das Gleichnis vom Lahmen und Blinden Vorhalten (vgl. M. Wolff, Muhammedänische Eschatologie 1872). In der occidentalen Literatur erscheint die jüdische Fabel von dem Lahmen und Blinden als Wächter eines königlichen Obstgartens — wie mich Herr Di. Goswin Frenken belehrt hat — zuerst im ״Tractatus de diversis materiis praedicabilibus<f des französischen Dominikaners Etienne de Bourbon (gest. um 1261), vgl. Catalogue of Romances in the Department of Manuscripts in the Brit. Mus. III by J. A. Herbert, London 1910, 84. Eine andere Fassung von dem Lahmen und Blinden, die sich gegenseitig ergänzen, findet sich bei dem um 1300 lebenden Dominikaner Johannes Gobii Junior, Scala coeli (Lovanii 1485) Fol. 17, ferner in den im 13. Jahrhundert verfaßten Gesta Romanorum, herausgegeben H. Oesterley 1871, Nr. 71 und auch in Burkhard Waldis Esop bei Luscinius, vgl. Breitinger, Kritische Dichtkunst I 332, woraus Geliert seinen Stoff zu seiner Fabel ,,Der Lahme und der Blinde“ geschöpft hat.