Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 65 (1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein Beitrag zur Methode der vergleichenden Religionsforschung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 18)
- Language
- German
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124 Ein Beitrag zur Methode der vergleichenden Religionsforschung. bereits um 200 n. Ch1\, ist nun dieses Gleichnis im Talmud überliefert. R. Jehudä Hannäsi setzt auseinander, daß Gott Körper und Seele gemeinsam am Jüngsten Gericht richten werde, da sie wie der Lahme und der Blinde gemeinschaftlich die bösen Taten verrichten. Durch folgendes Gleichnis veranschaulicht er dieses: Ein König hatte einen herrlichen Obstgarten, in welchem Bäume mit äußerst köstliehen Früchten standen. Damit dieses Obst von den Wächtern selbst nicht gepflückt werden könnte, ließ er den Garten von einem Lahmen und einen! Blinden behüten. Eines Tages sprach aber der Lahme zum Blinden: ,,Welche herrlichen Früchte sind doch in diesem Garten! Nimm mich auf deine Schultern, so können wir gemeinsam die Zweige der Bäume erreichen und von den schmackhaften Früchten genießen/' In dieser Art und Weise taten sich beide an den Früchten gütlich. Der König aber bemerkte schließlich, daß mancher Baum der köstlichen Früchte beraubt wurde und zog daher die beiden Wächter zur Verantwortung. Da jammerte der Lahme: ,,Herr, ich bin unschuldig, ich kann mich ja nicht von. der Stelle rühren.“ In gleicher Weise beteuerte der Blinde seine Unschuld, indem er rief:, ,,Ich bin ja blind und hatte gar keine Ahnung von den wunderbaren Früchten im Garten.“ Der weise König, der ihre List erraten hatte, setzte dann den Lahmen auf die Schultern des Blinden, ganz so wie sie es bei Verübung des Diebstahls getan hatten und verhängte über beide die wohlverdiente Strafe. Ebenso wird auch Gott beim Jüngsten Gericht die Seele in den Blinden erwidern: ,,Ich kann wohl meine Augen gebrauchen, habe aber keine Füße, um mich vorwärts oder rückwärts bewegen zu können. Und der Bünde würde nun hocherfreut den Lahmen auf seine Schultern heben; und der Lahme würde dann den Blinden lenken mit den Worten: Geh jetzt rechts, jetzt links. Hier ist der Blinde von selbst unfähig und schwach und kann nicht auf eigenen Antrieb, auf eigene Macht gehen. Genau in derselben Lage befindet sich der Lahme, aber wenn sie sich gegenseitig unterstützen, ist es ihnen möglich, zu gehen.“