Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Staat oder Heimstätte?
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 220 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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räumten. Nebenbei bemerkt, dürften die Fellachen in Erez Israel viel eher Nachkommen jener palästinensischen Urbcvulkei ung mit einet starken Beimischung jüdischen Blutes als eigentliche Araber sein; diese jahrtausendelang seßhafte Bevölkerung, sei es auch nur mit den Mitteln der europäischen Zivilisation, durch Überflügelung mit Hilfe der Technik verdrängen zu wollen, wäre nicht nur unethisch, sondern auch unmöglich. Unsere Aufgabe ist es, einerseits ihnen die Hilfsmittel Europas gleichfalls zugänglich zu machen, anderseits uns durch ernste Hebräisierung in Bezug auf Sprache und Geistigkeit zu orientalisieren und durch genügsame Verinnerlichung unseren Volkskörper so zu gestalten, daß er ohne Gefahr zu den Brüsten der großen Mutter Asia zurückkehren dürfe. Nach dem Vordringen der englischen Truppen im August und September des Vorjahres, tauchten vor allem in jüdischen Zeitungen Rußlands Kachrichten von der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina auf, ja sogar Anwärter für den Präsidentenstuhl und andere hohe Staatsämter wurden genannt. Diese Meldungen erschienen zwar dem kritischen Beobachter in vielem unwahrscheinlich, zeigten aber, daß die Volksseele auf derartige, aufs »Ganze« losgehende Mitteilungen am empfänglichsten reagiert. Heute, nachdem der erste Überschwang vorüber, braucht wohl nicht mehr betont zu werden, daß die Gründung eines Judenstaates noch immer unmöglich ist und eben auch unpraktisch und unnötig. Die zionistische Idee hat auch unter Weizmann und Sokolow nicht den Schritt vom Heimstättenzum Staatsgedanken, sondern nur vom Begriff der öffentlich-rechtlichen zum Begriff der völkeirechtlichen Sicherung gemacht. Früher handelte es sich um die Schaffung eines Vertrages zwischen der zionistischen Exekutive und der Türkei, oder beim El-Arisch-Projekt zwischen ersterer und der englischen Regierung, den Charter, der eine jüdische Kolonisation Palästinas im großen Stile und unabhängig von den wechselnden Launen wechselnder Minister ermöglichen sollte; heute geht es um weitergehende Garantien durch den Völkerbund. Damals sprach man von öffentlich-rechtlichen Sicherungen, das wäre soviel wie staatsrechtlichen, von Sicherungen im Rahmen eines Staates; heute erst können wir von völkerrechtlichen Sicherungen sprechen, denn mag die Völkerbundsidee in ihrer derzeitigen Ausführung noch so sehr hinter ihrer Konzeption zurückbleiben, das Völkerrecht hat durch sie greifbare Gestalt angenommen, während es früher selbst nur schemenhaft bestand* Dies könnte vielleicht, den Eindruck hervorrufen, als ob der Zionismus eben immer ein Minimalprogramm vertrete, daß er in dem Momente aufgebe, da ein größerer Wunschzettel vorgelegt werden kann. Zuerst war es die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte, jetzt die durch den Völkerbund geschützte, und schließlich wird es doch der Judenstaat sein. Allerdings» ausgeschlossen ist dies nicht, aber allzu wahrscheinlich auch nicht. Denn wenn unser Heim tatsächlich in unserem Sinne wird ausgebaut werden 1 können, werden alle Gedanken an einen selbständigen Staat, die, soferne sie tatsächlich ausgesprochen, unausgesprochen oder im Unterbewußtsein eine Rolle spielen sollten, Sentimentalitäten sind, die unserer kümmerlichen nationalen Lage entspringen, von selbst verschwinden. Mit der Zeit wird überhaupt durch den Fortschritt der Völker- und menschenverbrüdernden Ideen der 220