Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Staat oder Heimstätte?
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 219 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2828641-2828642-2828649-2829066--361-2829115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feisul nicht das arabische Volk in seiner Gesamtheit vertritt, bei weitem nicht in dem Sinnt- und Maße, als wir dies von unseren zionistischen Führt rn bezüglich des jüdischen Volkes behaupten können, muß doch seinen Äußerungen ein viel größerer innerer Wert beigelegt werden, als etwa dem französischen Theorem von der Untrennbarkeit Syriens und Palästinas. Emir Feisul bietet uns in derselben Erklärung die Bruderhand an. Sollen wir und können wir sie von vorneherein ausschlagen? Sicher nicht! Durch Emir Feisuls Bemerkungen werden viele Fragen ans Tageslicht gezerrt, die der größten Beachtung wert sind. Hier soll hiemit eine von diesen angeschnitten werden : »Braucht das jüdische Volk einen jüdischen Staat, will der Zionismus einen solchen schaffen?« Wir haben oft genug diese * Verleumdung« hören müssen, manchmal hieß es sogar, daß wir ein jüdisches Königreich erstreben, womöglich mit einem Rothschild als König. Bald wurde solches in vollem Ernste behauptet, bald sollte es beißende Ironie sein, bald war es Unwissenheit, bald Böswilligkeit, die dies Märchen verbreitete. Ein Wunder war es ja nicht, daß solche Behauptungen auftauchten, denn am Anfange des Kongreß-Zionismus stand Herzls >]udenstaat«, und dann ist auch der vollkommen souveräne Staat die einfachste, leichtbegreiflichste, gewissermaßen populärste Form eines autonomen Gemeinwesens. In erster Linie vielleicht aus realpolitischen Gründen, aus der Erkenntnis heraus, daß es vorläufig unmöglich sei, ein Stück aus dem Leibe* des allerdings kranken Mannes am Bosporus zu reißen und daß der Zionismus unter keinen Umständen in irgend einem Lande und sei es nur in der zerfallenden Türkei, den Charakter einer Irredenta haben sollte, hat der erste Kongreß den Begriff einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte konstruiert und sogar den einer völkerrechtlich gesicherten abgelehnt. Wir sollten uns aber auch vor Augen halten, daß das jüdische Volk keinen jüdischen Staat brauche, sondern eben bloß eine sichere Heimstätte. Unser Zfel ist ein echt jüdisches Palästina, das den dort lebenden Juden alle Bedingungen für ein kulturelles und nationales Ausleben und eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung bieten soll: eine Oase in der Wüste Diaspora und das Messiashorn, das die Zerstreuten sammelt Dazu brauchen wir Sicherheit, aber keinen Staat, denn einJStaat bedeutet Macht, und Macht ist nur eine Möglichkeit der Sicherung. Auch in der Vergangenheit hat das hebräische Volk wohl viele Lehrer und Richter, aber wenig Könige besessen. Erst unter Samuel hat jene Bewegung begonnen, >zu sein wie andere Völker«, das heißt, geeinigt unter einem Könige zu stehen. Bis dahin hatte es unseren Altvorderen genügt, einer neben dem anderen seiner Arbeit nachzugehen, und wenn es not tat, entstanden immer wieder dem Volke oder doch seinen einzelnen Stämmen die notwendigen Führer. Das Bedürfnis, eine geschlossene politische Machtsphäre zu bilden, bestand zunächst nicht, ähnlich wie auch bei den anderen Kanaanitern (»Phöniziern«). Und auch heute können dem jüdischen Volk >das Leben unter Feigenbaum und Weinstock«, die auf der Bodenkultur aufgebaute wirtschaftliche Nutzung^des Landes, und >die heiligen Opfer am Sitze der Bundeslade«, das kulturelle und, geistige Zentrum, genügen. Sogar die arabische Bevölkerung, die in Palästina verbleiben wird, bildet nur eine Art Analogon zu jenen* nichtisraelitischen Stämmen, welche nach der Landnahme durch Josua, ja selbst den Siegen Davids nie Palästina vollkommen 219