Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Er und sein Diener
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 214 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Am Rande des Gehsteiges stand unter einem brcitästigcn Baum eine Laterne und lüftete mit frechem Strahl ein Endchen vom schwarzen Schleier der Nacht Dem Gefährt entgegen schritt ein Mädchen her mit rotem Haar und lustscharfen Augen. Als sie den gläsernen Blick des Kranken sah, stockte ihr Fuß einen Augenblick und es entfuhr ihr: »Zum Teufel!« Dann fiel ihr Blick auf den blonden Kopf und die breiten Schultern des Dieners und ihr Gesicht wurde hellen Ein rascher Blick, ein unmerkliches Lächeln — und sie verschwand in einer Seitenallee. Wortlos, ohne den Kranken zu fragen, wandte der Diener den Rollstuhl ihr nach. Der Weg stieg an, verlor sich in einem dichtverwachsenen Teil des Parkes und erklomm dann unerwartet einen "Felsenhügel, den auf drei Seiten Bäume umstanden. Die vierte stürzte jäh in einen Abgrund nieder. Im Abgrund wogte eine phantastische Welt, in welcher Bäume, Berge, Täler, Türme, Säulen und Paläste aus dem Wasser zu wachsen schienen. Der Wasserspiegel leuchtete schwach, wie verlöschend gegen den Sternennachthimmel. Hinter all dem Spuk schlief eine große, riesengroße Stadt. Auf dem Hügel stand in einem Felsenwinkel eine alte, zerbrochene Kanone. Sie war das Erinnerungszeichen des Krieges, den das Land einst für seine Freiheit geführt hatte. Gegenüber dieser Kanone ließ der Diener den Rollstuhl stehen und wandte sich in das Baumdickicht, wo das Mädchen verschwunden war. Die gläsernen Augen blickten auf die alte Kanone. Sie sah aus, wie der Riesenleib einer toten, vertrockneten Schlange — oder wie das Gerippe des Todes selbst. Lange, lange Jahre vorher hatte ihr Inneres geglüht und Feuer gespien. Sie hatte für die Freiheit gekämpft Unten im Tale, wo jetzt das Wasser des künstlichen Basins schimmert, waren damals Menschlein vorgelaufen, zur Kanone emporgeklettert und hatten sich auf der Erde gewälzt mit zerschmetterten Köpfen und zerrissenen Leibern, aus denen die Eingeweide quollen. Einige lagen mit dem Gesicht zur Erde, die Hände ausgestreckt, in Blutlachen, wie erschlagene Hunde. Unaufhörlich donnerte die Kanone und die Menschlein liefen dennoch ihr entgegen. Das war ein großartiger Kampf in die Freiheit gewesen. 214