Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Er und sein Diener
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 213 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2828641-2828642-2828649-2829062--348-2829109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Da — ein schwaches Räderknarren auf dem Asphalt; aus dem Dunkel tauchen zwei deckenumhüllte Füße, ein formlos halbhingestreckter Körper, ein aufgedunsenes Gesicht mit gläsernen Augen; — der Tanz zerstiebt im Schreck nach allen Seiten, Erst bis der breite Rücken des Dieners den Rollstuhl verdeckt, wagen die jungen Leute sich wieder hervor und treten zu einander. Doch der Tanz ist gestorben. Auf dem Rasen unter den Bäumen ist das Dunkel dichter und erfüllt von Seufzern, von leisen Küssen und ^heißem Atem. Besinnungslose Ohnmächten der Liebe. Wenn der Rollstuhl mit dem Kranken vorbeigeistert, dann läuft es wie eisiger Hauch über das Gras und alles versteckt sich erschreckt hinter den Bäumen. Einmal klang aus dem Schatten der Schrei einer Frauenstimme voll Zorn und Verzweiflung: »Hu, altes Aafe!«..... Und ein Fluch folgte. Der Kranke wandte nicht einmal den Blick. III. Der Juni umschloß, mählich Tag um Tag, den Park und hielt ihn fest in seinen heißen Armen. Vom frühen Morgen an umfing die Sonne mächtig den Garten und wenn sie ihn abends verließ, atmete er noch lange Stunden, duftendschwer und regte sich unruhig auf schwülem Lager. Wenn er dann endlich die schwelende Wärme ausgehaucht hatte und kühl beruhigt reglos blieb im Dunkel der Nacht, dann breitete ein leiser Schlummer um ihn die Flügel und umfächelte ihn mit leichtem Traum und unbestimmtem Sehnen. Der Menschenstrom war längst durch die weiten Ausgänge des Parkes verflutet. Hie und da raunte ein verspätetes Pärchen einander sein ewig neues Geheimnis zu. Da und dort lag auf einer Bank ein Obdachloser in nervös unruhigem Schlaf, dessen Traum wohl der Polizist durchschreckte. In einem finsteren Winkel ♦schwatzte ein künstlicher Wasserfall sein endloses Geplapper. Keiner hörte ihm zu, und sonderbar leer klang die Stimme dieses Geschöpfes von Menschenhand, da keiner seiner Schöpfer ihm zuhörte. Mit leisem Knarren glitt der Roll stuhl mit dem Kranken durch die schlafenden Alleen. 213