Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Kern und Schale
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 209 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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und nur der Grad der Schau und der Begeisterung verschieden sind5 Wn von der einzigen Wahrhnt erfaßt wurde, weiß sie überall wo sich Menschenkinder um sie gequält, wo sie von ihr beseligt wurden herauszuahnen. Was bedeuten ihm, dem zur Einheit Strebenden, die kleinlichen Differenzierungen, Spaltungen, Sektierungen und Parteiungen? Was bedeuten ihm die Entartungen, Verkrustungen und Versteinerungen dieser Differenzen? Nichts. Er hat für sie nur schmerzliches oder unwilliges Achselzucken. Aber gerade für diese Entartungen des Geistes möchte man am liebsten ihn in Anspruch nehmen, gerade in diese Regionen, die niemand besser als Ungeist und Widergeist erkannt hat, möchte man ihn hineindrängen. Die Wahrheit ist allüberall immer und ewig eineinzig. Was entscheidet über den Wert eines Verkünders? Ob er sie, die uralte, ureinzige Wahrheit mit wahrhaftiger und neuer Begeisterung lebt und spricht. Nichts sonst. Nichts »Neues« gibt es im Geist, was nicht eigentlich uralt wäre, wie auch das Absolute urewig alt und ewig neu ist. Trank ein Mensch von dieser Wahrheit aus verschiedenen Quellen, erkannte einige unter ihnen als die klarsten, lautersten, und versäumt deswegen doch nicht, die Brunnen des lebendigen Wassers, wo sie in der eigenen geistigen Heimat verschüttet wurden, wieder auszugraben, zu reinigen und den Dürstenden zu übergeben — will 4as sagen, daß er am Schutt und Unrat der Verschüttung teilnimmt und ihnen »nahesteht«? Oder, daß er sich auf den zuweilen recht beschränkten Strahl des heimatlichen Quells ausschließlich eingeschworen hat, seinen Getrübtheiten gegenüber gleichgültig bleiben und für das klarere, lebendigere*Quellen des Geistes in den außerheimatlichen Bereichen fortan tot sein muß? Alle Aussprüche, die dem Menschengeist entStrahlen, auch die anscheinend gewöhnlichsten, alltäglichsten, haben eigentlich dasselbe zum ersehnten Inhalt: die Einheit des Unbedingten in der Totalität. Manche freilich in irdisch-dumpfer Getrübtheit, die sich selber ihres Dranges und Sehnens nie bewußt wird, andere in klarerer Bewußtheit des Strebens. Gewiß fehlt es uns Juden nicht an hohen, lauteren Ahnungen und Bewußtwerdungen dieses Strebens, aber aijph nicht an solchen, deren versteckter Glanz durch des Geistes Erdgebundenheit und des Fleisches Trägheit stark getrübt ist. Wie sehr ist ihre Läuterung notwendig, das Abstreifen der 209