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Esra · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 198

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Zum jüdischen Kulturproblem
Date
1919-01-01
Page
198 (sequence 6)
Language
German
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Fortschrittlichkeit und Kosmopolitismus. Noch gibt es viele andere Gleichgewichtsstörungen der jüdischen Seele, die sich auf die bisher herausgegriffenen Grundformen zurückführen ließen, also einer gesonderten Betrachtung kaum bedürfen. Jene dem Juden als Nervenmenschen innewohnende Labilität, Anpassungsfähigkeit, Nervosität, denen gegenüber nie genug von geistiger und körperlicher Abhärtung gesprochen werden kann — eine Anschauungsweise aber ist für den modernen Juden bereits zu typisch geworden, wenigstens ist sie in letzter Zeit besonders in den Vordergrund getreten, als daß mit ihr eine Auseinandersetzung umgangen werden könnte: es ist dies eine bereits fix gewordene Einstellung jüdischen Geistes zum Fortschrittlichen, Aufklärerischen, zivilisatorisch Kosmopolitischen. Wie weit in der rapid umsichgreifenden Emanzipation des modernen Juden Zivilisation Gefahr, ja Gegensatz von Kultur wird, welche kulturverflachende Wirkung von dieser Zivilisation, dieser Entfärbung des Judentums ausgeht und welche Gefahr in ihrem Gefolge auch für die persönliche Kultur des Einzelnen verbunden sind, ist eines der heikelsten und bedeutungsvollsten Probleme der Gegenwart. Es ist besonders merkwürdig und erscheint mir indirekt geradezu ehrend für das nationale Bekenntnis des Neujudentums, daß gerade geistige Führer ersten Ranges wie von Seiten der Russen Dostojewski und von Seiten der Deutschen Thom. Mann sich in ihrer Stellungnahme gegen die Zivilisation, gegen Westlertum und internationalen Kosmopolitismus innig mit den geistigen Führern und Vorkämpfern des nationalen Gedankens innerhalb des Judentums berühren. In allen Gedankengängen angefangen von Moses Heß, dem ersten scharfen Kritiker seichter Emanzipation und internationalen Aufklärertums, von ihm über Pinsker bis zu den letzten Ausläufern zum Beispiel Klatzkin bricht der Standpunkt des kritischen modernen Kulturmenschen durch, in dem gegen Freiheitstaumel, sogenannte Aufklärung, Menschenverbrüderung in dem gerade gegenwärtig deutlich mißkreditierten in westeuropäischen seichtdemokratischen Humanitätsidealen, kurz das Ideal internationaler Zivilisation, ein tiefes, seichter Aufklärung abholdes, verantwortungsvolles nationales Kulturempfinden den Kampi aufzunehmen beginnt Ein Kulturempfinden, das als unsozial verdächtigt eher im Gegenteil einem sozialistischen als demokratischen Ideengange nahesteht, das jedoch das labile, a priori umstürzlerische, um jeden Preis 198

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