Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zum jüdischen Kulturproblem
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 197 (sequence 5)
- Language
- German
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wie er der Fluch des modernen Europa geworden ist, anderseits aber den Nachteil nicht verhindern konnte, auch manche notwendige Scheidewand zwischen Mensch und Mensch zu zerreissen, und in ein flaches, ehrfurchtloses Gleichheitsgefühl auszuarten, dessen Ausdruck dieses Merkmal des vielbeklagten Mangels an Disziplin und Distanzgeiühl ist, gegen den in kleinen und großen Organisationen im Augenblicke der Entscheidung des jüdischen Schicksals noch immer mit zweifelhaftem Erfolg angekämpft wird. Auch da eröffnen sich Möglichkeiten neuer jüdischer Umwertung durch dahinzielende Bildungsforderungen, wie sie ja in der Frage der äußeren Disziplin des persönlichen Distanzgefühls der Haltung, kurz in Fragen jüdischer Formdefekte selbst von kleinsten Kreisen und Korporationen mit Aussicht realisiert werden können. Doch um es nochmals zu betonen nicht Einschränkungen unbegrenzter, schöpferischer Lebensentfaltung sollen solche Bildungsforderungen bedeuten, sondern sie sind Bildungsideale, die am ^Durchschnittsmenschen, Durchschnittsjuden verwirklicht werden müssen, in der Erkenntnis, daß gerade innerhalb des Judentums mit dem Ideal höchster individueller Freiheit und allen dahingehenden Erziehungs- und Bildungstendenzen wahllos umgegangen wird, ohne besondere Berücksichtigung des in überwiegender Mehrzahl vorhandenen lernenden, zur freiwilligen Unterordnung bestimmten Durchschnittsmenschen, daß gerade innerhalb des modernen Judentums das Streben zu einem im schärfsten Mißverhältnis zwischen Anlage und Ziel über die natürlichen Möglichkeiten hinausschießenden Übermenschtypus (natürlich dem falsch verstandenen Nietzsche-Typus) vorherrscht, ein Streben, das durchaus nicht mit der* Höhe der Kultur parallel läuft. Selten hat ein wirklich kulturell hochstehendes Volk so viel Durchschnittsnaturen mit falscher Überbildung, wie das gegenwärtige moderne jüdische Volk. Was Wyneken einmal zu dieser auch sonst im modernen Europa auffallendenErscheinungenbemerkt,könnte erst recht für den modernen Juden Anwendung finden: »Die Verkehrung der Selbständigkeit als der schweren Pflicht des Schaffenden in ein billiges Recht des Durchschnittsmenschen hat die Herrschaft der Geistlosigkeit und Mittelmäßigkeit begründet Da wo sich jeder berufen fühlt, seine eigene kleine Religion, seinen besonderen Geschmack, seine private Weltanschauung zu haben ohne Scheu und Scham zu empfinden angesichts der großen Werke und Helden des Geistes, da hört eigentlich jede Kulturmöglichkeit auf,« 197