Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zum jüdischen Kulturproblem
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 196 (sequence 4)
- Language
- German
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nur dieser Sinnesart noch weiter Merkmal jüdischen Geistes bleiben, soll denn nicht endlich auch gegenteilige Li Kenntnis umsichgmfen und zum Beispiel auch der tief erschütternde Refrain eines wenig bekannten jüdischen Volksliedes »ist die Welt denn nur für den Klugen geboren, hilf mir mein Gott, hilf« der Aufschrei eines dem Leben nicht Gewachsenen über den Sieg des Klugen, nicht endlich immer mehr und mehr auch die Seele aller Juden zu erschüttern im Stande sein? Defekte der Form. Geistigkeit und Ironie können als Quellen aufgefaßt werden, auf die von weiteren mit ihnen zusammenhängenden Eigenschaften als besonders hervorstechende Kulturdefekte der mangelnde Sinn für Unterordnung und mangelndes Distanzgefühl hervorgehoben werden müssen. Ehe zu diesen Eigenschaften Stellung genommen werden kann, müßte man sich erst über die Tatsache des oberflächlich so bezeichneten jüdischen Individualismus auseinandersetzen, mit dem man den Mangel an Unterordnungsfähigkeit in Verbindung bringt. Da dieser Sinn des Ausdruckes »Individualismus« sich mit den wissenschaftlichen nicht deckt, ist es besser, einfach vom Mangel der Unterordnung als dem im landläufigen Sinne gemeinten bereits feststehenden Begriff auszugehen. Aber auch in diesem Fall muß betont werden, daß gerade der strenggläubige Jude durch sein einzigartiges Beispiel der Unterordnung unter das Gesetz, unter die religiöse Autorität ein Muster strengster Lebensdisziplin für alle Völker geworden ist und nur dieser Disziplin, das Judentum seinen Bestand zu verdanken hat. Was unter ■ der als Kulturdefekt hingestellten Eigenschaft gemeint ist, ist vielmehr gerade die dem emanzipierten Juden eigene Schrankenlosigkeit und Ufigebundenheit im Verhältnis von Mensch v zu Mensch. Ein Mangel von persönlichem Distanzgefühl, kurz ein Mangel der Form, der Haltung. — Sei es, daß er in dem aus einer Mischung jener früher untersuchten jüdischen Geistigkeit und Ironie hervorgegangenen Unglauben autoritativen Werten gegenüber zu erklären ist — und ein solcher autoritativer Wert ist sowohl der Mehrwert des Tüchtigen, als das Anderssein des Nebenmenschen — sei es durch den in falsche Bahnen geratenen sozialen Instinkt, welcher zwar zu dem für das Judentum ehrenvollen Ergebnis führte, nie einen eigentlichen tieferen Klassengegensatz entwickelt zu haben, 196