Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Von jüdischer Politik und der Mystik Israels
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 187 (sequence 2)
- Language
- German
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(anderen) Wähler. Sie fürchtet den Krieg. Fürchtet die Aufregung. Fürchtet die Unruhe, Mehr als alles andere fürchtet sie vielleicht die einfache Störung. Würde die Stille, ein niederes Dahinvegetieren vorziehen. Könnte man doch mittels vereinbarten Stillschweigens den Frieden erkaufen, durch Auslieferung des Sündenbockes, durch irgend eine Gemeinheit den Schandfrieden besiegeln! Sie weiß, was unschuldiges Blut ausliefern bedeutet, In Friedenszeiten fürchtet sie den Krieg. Sie fürchtet die Schläge. Hat Angst vor Skandalen. Ist zu ihrer eigenen Größe gezwungen. Sie wird zu ihren erhabenen, schmerzvollen Schicksalen geführt, gezwungen durch eine Handvoll Aufrührer, eine handelnde Minorität, eine Bande Besessener und Fanatiker, eine Bande Rasender, die sich um einige Köpfe schart, die gerade die Propheten Israels sind. Israel hat unzählige Propheten geliefert, Helden, Märtyrer, Krieger ohne Zahl. Aber schließlich : in gewöhnlichen Zeiten ist das Volk Israel wie alle anderen Völker; es verlangt nicht, in eine ungewöhnliche Zeit einzutreten. Wenn es sich in einer Periode befindet, trägt es kein Verlangen, in eine Epoche einzutreten. Wenn es in einem ruhigen Zeitabschnitt ist, will es nicht gern in eine Krise kommen* Wenn es in einer guten, fetten Ebene weidet, wo Milch und Honig fließt, will es nicht auf einen Berg steigen, und wäre es der Berg Sinai. Israel hat ungezählte Propheten geliefert; mehr als das : es ist selbst prophetisch, es ist die prophetische Rasse, Das ganze Volk in einem Leib ein einziger Prophet. Aber es will ein Ding: den Propheten keine Gelegenheit geben, aufzutreten. Israel weiß, was das kostet Instinktiv, historisch, förmlich organisch weiß es, was das kostet. Sein Gedächtnis, sein Instinkt, sein Organismus selbst, sein irdischer Leib, seine Geschäfte, sein ganzes Erinnerungsvermögen sagen es ihm. Sein Gedächtnis ist ganz erfüllt davon. Zwanzig, vierzig, fünfzig Jahrhunderte der Prüfungen sagen es ihm. Kriege ohne Zahl, Morde, Wüsten, Stadteinnahmen Exile, auswärtige und Bürgerkriege, Gefangenschaften ohne Ende. Fünfzig Jahrhunderte des"Elends, das zeitweise vergoldet war. Fünfzig Jahrhunderte der Verzweiflung, bald anarchistisch, bald von Freuden verdeckt, manchmal von Wollust entlarvt, verschminkt. Fünfzig Jahrhunderte der Nervenschwäche vielleicht. Fünfzig Jahrhunderte der Wunden und der Narben, der immer stechenden Schmerzen; die Pyramiden und die Champs-Elysees, die Könige von Ägypten und die Könige des Orients, die Peitsche der Eunuchen und die römische Lanze, der zerstörte und nicht wiederaufgebaute Tempel, eine unsühnbare Zerstreuung über die Erde haben ihnen den Preis ihrer Ewigkeit verkündet. Sie wissen, was das kostet, sie wissen es, die fleischliche Stimme und der irdische Leib zu sein. Sie wissen, was es kostet, Gott zu tragen und die Propheten. Seine Propheten, d i e Propheten. Darum ersehnen sie dunkel, daß man nicht mehr anfange, Sie fürchten 'die Schläge; sie haben so viele bekommen, Lieber wäre ihnen das Stillschweigen darüber. Sie haben sehr oft für sich und die andern bezahlt; Sie haben so oft für die ganze Welt, für uns bezahlt. Wenn man über nichts spräche, wenn man Geschäfte, gute Geschäfte machte! Triumphieren wir nicht über sie! Wieviel Christen wurden nicht mit Keulenhieben auf den Weg des Heiles getrieben! Das ist überall gleich. Sie fürchten die Schläge. Die ganze Menschheit hat gewöhnlich Angst 187