Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zum jüdischen Kulturproblem
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 171 (sequence 11)
- Language
- German
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drittens : gibt es einen Ausweg, der darin besteht, nicht die Auflösung des ethischen Judentums zu befürchten, sondern ruhig und bewußt die Eingliederung und Betonung der in Fromer sehen Sinne gemeinten ästhetischen Sinnesart als Faktor jüdischer Umwertung in der neujüdischen Ideenwelt anzuerkennen und auf diese Weise den modernen Menschen dem Judentum zu erhalten? — Übrigens muß man gerade angesichts dieser dritten Fragestellung der Unterschätzung der ästhetischen Anschauungsweise im biblischen Judentum entgegentreten — sprechen doch schon allein die Existenz des Buches Ruth und des hohen Liedes dafür, daß im biblischen Judentum infolge des noch bestehenden Zusammenhanges von Land und Mensch doch noch inniges Naturverhältnis und Schönheitsliebe vorhanden war. Jedenfalls ist es nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß wir auch hier zu dem harmonischen Verhältnis beider Grundideen, wie es im biblischen Judentum verkörpert ist, wieder zurückkehren müssen. Wir dürfen uns in unserer Selbsteinschätzung keineswegs durch den Vorwurf dieses empfindlichen Mangels als eines essentiellen, also unverbesserlichen, sondern nur akzidentellen, umwandlungsfähigen bestimmen lassen, müssen aber immerhin mit der Anerkennung eines solchen ästhetischen Mangels in der Frage praktischer Kulturversuche, wie wir sie aufgeworfen haben, auch den Willen zu einer in dieser Richtung erforderlichen jüdischen Umwertung verbinden. Doch merkwürdig : nicht dieser ästhetische Mangel, der vor allem in einem zu wenig innigen Naturverhältnis, mangelnden Sinn für das Landschaftliche usw, besteht, tritt gegenwärtig hervor, sondern gerade das Gegenteil ist besonders für das emanzipierte Judentum bezeichnend geworden, das mit dem Abstreifen des jüdischen Gesetzes alle Genüsse der modernen Zivilisation in höchstem Tempo nachholt. Gerade dieser Paroxismus im ästhetischen, im Kunst- und Literaturgenuß, der als eine natürliche Reaktion gegen die Ghettoperiode aufzufassen ist, wo Schönheitsliebe und Sinnlichkeit durch strenge, gewaltsame Vorschriften zurückgedrängt waren (mit Ausnahme einiger krampfhafter Gegenversuche jüdischer Mystiker), gerade dieser ästhetische Paroxismus gehört nun zu den unerfreulichsten Erscheinungen des modernen Judentums, gegen den im Sinne kultureller Ausgeglichenheit im Sinne der Beseitigung kultureller Gleichgewichtsstörungen entschiedener Stellung genommen werden muß. Die plötzliche Freiheit des Ghettojuden hat zu dieser parvenühaften 171